Adi Weiss
Ich liebe es in Italien in eine Bar zu gehen, mich an die Theke zu stellen und im Stehen ohne großes Brimborium eine Kleinigkeit... Al Banco – Ein italienische Bar wie nirgendwo in Italien

Ich liebe es in Italien in eine Bar zu gehen, mich an die Theke zu stellen und im Stehen ohne großes Brimborium eine Kleinigkeit zu trinken und vielleicht auch zu essen. Ein besonderer Vorteil dieser Konsumation an der Ausschank (ital.: „al banco“) ist, dass die Getränke im Stehen um einiges weniger kosten, als wenn sie an einem Tisch mit Sitzplätzen serviert werden. Selbst in den alleredelsten Kaffeehäusern und Bars der Großstädte ist so der Espresso für knapp über einen Euro zu haben (sogar in Venedig). Aber auch Weine oder Aperitifs werden von unseren südlichen Nachbarn sehr gerne gemütlich im Stehen konsumiert und das zu jeder Tageszeit. Und genau diese freundlichen Barsituationen waren das Vorbild des „Al Banco“ am Wiener Erste Campus.

Optisch ist das Lokal mit seiner gigantischen Fensterfront, einer fast noch längeren Theke und nur einigen wenigen Tischen sehr nahe am italienischen Vorbild dran. Auch die Gestaltung des Lokals mit ruhigeren Ecken, Flaschenregalen und einladenden Schriftzügen in Neon könnte vermuten lassen, man wäre im Zentrum von Mailand und nicht nur um die Ecke vom Wiener Hauptbahnhof. Auch das italienische Getränkeangebot macht Lust auf mehr. Während optisch also alles glänzt, finden sich die Unterschiede zu den Vorbildern eher im Detail. Denn an der Bar bekommt man nur den Kaffee vergünstigt, sowie das jeweils erste Glas Prosecco, Chianti oder Soave. Das jeweils zweite Glas wäre schon wieder teurer. Wahrscheinlich könnte man als Prinzipienreiter zuerst einen vergünstigten Espresso, dann einen günstigen Prosecco, dann einen günstigen Soave und dann einen günstigen Chianti trinken, aber das wäre doch eher mühsam. Ich habe natürlich nachgefragt, warum es denn so ist, dass nur das jeweils erste Glas zum „al banco“-Preis angeboten wird, und die Antwort war, dass sich die Leute hier ja nicht betrinken sollen. Und wenn doch, dann offenbar nur im Sitzen? Habe ich schon erwähnt, dass man sich hier als „Tagesbar“ bezeichnet? Ich versuchte herauszufinden, was eine Tagesbar sein soll, wurde aber trotz intensiver Recherche nicht fündig. Es kann ja wohl kaum eine Bar sein, an der tagsüber getrunken werden soll, weil dieses Image will man ja offenbar vermeiden. Außerdem nennt man sich hier zusätzlich noch „Apero-Bar“, was sicher auch eine gebrainstormte Wort-Neuschöpfung von übermotivierten Marketing- oder Werbe-Fuzzis ist.

Natürlich gibt es in Wien mittlerweile eine ganze Reihe italienischer Bars und viele haben sich auch der Aperitif-Kultur angenähert. Aber eben nur angenähert, denn die echte italienische Aperitif-Kultur, bei der sich die Gäste beim Konsumieren ihrer Getränke frei an einem Buffet bedienen können, würde bei den tendenziell geizigen und gierigen Wienern nicht funktionieren. Damit meine ich selbstverständlich niemanden, der das hier liest, sondern natürlich nur die anderen. Während also in anderen Bars kleine günstige Häppchen zu den Getränken am Nachmittag und frühen Abend angeboten werden, hat man sich im „Al Banco“ dazu entschlossen „kleine italienische Spezialitäten“ zum Aperol, Campari und so weiter zu servieren. Und es gibt ja wirklich viele tolle kleine italienische Spezialitäten. Aber das winzige Schüsselchen mit Polenta und Aufstrichen darauf, wäre keine Spezialität von der man mehr haben wollte. Natürlich gibt es auch andere Speisen im „Al Banco“, richtig gekocht wird aber nur zu Mittag und zwar meistens Nudelgerichte. Wer also in der Früh kommt, kann klassisch italienisch ein Cornetto frühstücken, nachmittags warten vor allem Panini und Tramezzini auf einen. Die hohe Kunst des Tramezzino-Machens hat hier jedoch noch nicht Einzug gehalten, denn die gefüllten Weißbrote sind nur belegt und geschichtet und nicht gerollt. Und mit Variationen wie „Tomate/Mozzarella/Rucola“ oder „Thunfischcreme & Ei“ ist man nicht besonders innovativ. Nicht, dass diese beiden Sorten nicht OK gewesen wären, aber Anlass für einen weiteren Besuch waren sie halt auch nicht. Wer zu seinem Getränk diverse Schinken, Würste und Käse haben möchte, wird tatsächlich gut versorgt. Doch auch das fällt für mich mehr unter „Naschen“ und weniger unter „Speisen“. Herausragend gut sind auf alle Fälle die italienischen Torten. Ich probierte von einem mehlfreien Schokoladekuchen, der wirklich ausgezeichnet, saftig und hervorragend war und auch perfekt zum erstklassigen Kaffee gepasst hat.

Insgesamt ist das „Al Banco“ eine schöne neue Bar, die sehr viel italienischer sein möchte, als sie es im Moment noch ist. Wenn man auf „nomen est omen“ machen will, dann sollte man das Prinzip von einigen vergünstigten Getränken an der Theke auch durchziehen und nicht auf nur ein Getränk reduzieren. Und so günstig ist der Prosecco vom Fass mit 3,30 Euro eigentlich auch wieder nicht, dass die Betreiber Angst haben müssten, sie würden bei einem permanenten Angebotspreis von Tranklern überrannt werden. Essenstechnisch machen die Frühstücksangebote und die Torten Lust auf mehr, bei den Tramezzini ist aber noch sehr viel Luft nach oben. Doch hier steckt ja noch alles in den Kinderschuhen, und vielleicht schaue ich ja bald einmal wieder auf ein Glas vorbei. Oder auch auf zwei. Aber bitte nur im Stehen!

Al Banco
Am Belvedere 1, 1100 Wien
www.albanco.at

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