Adi Weiss
Dieser Standort hat wirklich schon viel erlebt: Ende des 19. Jahrhunderts war hier die größte Billardhalle Europas, später mehrere Gasthäuser und dann auch Bierwirt am Naschmarkt – Von Rennern und Pennern

Dieser Standort hat wirklich schon viel erlebt: Ende des 19. Jahrhunderts war hier die größte Billardhalle Europas, später mehrere Gasthäuser und dann auch noch ein gigantischer Sexshop mit mittelalterlich anmutendem Gewölbe für Ritterspiele aller Art. Das Gewölbe passte auch gut ins Bild, als anstelle des Sexshops das Mittelalter-Lokal „Camelot“ hier einzog. Ich hatte dort einmal das Missvergnügen und musste verwundert feststellen, dass deren Interpretation von mittelalterlichen Speisen darin lag, möglichst große und besonders fette Fleischstücke im Ganzen zu frittieren. Auf das ritterliche Intermezzo folgte der köstliche, aber leider kurzlebige brasilianische Churrascaria-Fleischtempel, und nun stehen die Zeichen wieder auf Neu. Aber anstelle von Experimenten, wird jetzt auf Nummer sichergegangen.

Dass der neue „Bierwirt am Naschmarkt“ prinzipiell auf soliden Beinen steht, liegt vor allem daran, dass es sich dabei um das inoffizielle Zweitlokal des „Mariahilferbräu“ in der äußeren Mariahilfer Straße handelt. Deren Karte wurde über weite Strecken übernommen und beinhaltet im Wesentlichen erweiterte Gasthaus- bzw. Brauhausküche. Und diese Karte ist gleichzeitig so umfangreich, dass sich der erfahrene Gast eigentlich denken müsste, es könne kaum eine Küchenmannschaft geben, die all diese Speisen gleich gut hinbekommt. Aber die Betreiber schwören auf die riesige Karte und versichern uns, dass jedes Gericht bei den Gästen ausgetestet wird. Sie verwenden dabei ein (Zitat) „Renner-Penner“-Prinzip: Was nicht laufend bestellt wird, fliegt von der Karte. Und so sind für ein Gasthaus ungewöhnliche Posten wie vegetarische Lasagne oder Ananas-Hühnercurry Teil der Bierwirt-Karte. In Sachen Bier gibt es aktuell acht Lebenssäfte vom Fass, wobei wir uns besonders über das dunkle Kozel gefreut haben, das in Wien sonst kaum zu bekommen ist. Bis zu 17 Fassbiere sollen es noch werden, und dazu kommen noch einige Craft-Biere aus der Flasche. Wer übrigens die Räumlichkeiten seit längerer Zeit nicht betreten hat, wird mit Erstaunen feststellen, dass aus dem dunklen Verlies von früher ein freundliches, helles Lokal wurde, denn zum ersten Mal verfügt es jetzt über echte Fenster Richtung Naschmarkt. So, nun aber zum Essen.

Wir starteten zunächst mit einem klassischen Rindgulasch mit Semmelknödel. Die große Portion beinhaltete vier große Fleischstücke, ausreichend Saft und die oberen zwei Drittel eines gigantischen Semmelknödels. Das Fleisch war butterzart und intensiv. Zwar hatten manche der Stücke einen nicht besonders kleinen Fettrand, den man aber leicht absäbeln konnte. Dieses Fett schon vorher zu entfernen wäre natürlich ein Blödsinn gewesen, denn dadurch wurde das Saftl noch reichhaltiger. Das eigentliche Gulasch war also tatsächlich wunderbar, nur der Knödel war vom Gefüge etwas zu kompakt – sprich: überhaupt nicht flaumig – und auch leicht überwürzt.

Mit einem Bruder des Knödels gab es dann ein Wiedersehen in Form von gerösteten Knödeln mit Ei. Was klingt wie eine einfache und günstige Reste-Verwertung wird durch cremig gerührte Bio-Eier zum kleinen, aber feinen und sättigendem vegetarischen Highlight. Für „Fleischlose“ gäbe es hier noch mehrere Suppen, vegane Nudelgerichte, Krautfleckerln und einiges mehr. Als Unterlage zum Bier sind die wunderbaren gerösteten Knödel aber wirklich zu empfehlen.

Beeindruckend gut waren dann auch die Rindrouladen. Eigentlich sind Rindsrouladen ja ein sehr einfaches Gericht, dass davon lebt, dass günstiges Rindschnitzelfleisch gefüllt und eingerollt so lange gedünstet wird, bis es butterweich auf der Zunge zerfällt. Beim Bierwirt wird dafür der Sous-vide-Garer, also der Vakuum-Niedertemperatur-Garer verwendet, der dem Fleisch einen sehr intensiven Eigengeschmack und eine unvergleichliche Zartheit verpasst hat. Nachdem so ein Garer aber so gut wie keine „Saftln“ zustande bringen kann – weil die Temperatur dafür dann doch zu niedrig ist – wurde die Sauce zu den Rouladen separat zubereitet. Vielleicht war diese eine Spur zu Zwiebel- und Majoran-lastig und zu wenig fleischlich ausgefallen, aber das liegt bei der Zubereitungsmethode in der Natur der Sache.

Der Sous-vide-Garer kommt hier auch bei einem jener Gerichte zu Einsatz, auf die man im Bierwirt besonders stolz ist: bei den Spareribs. Die Begeisterung konnte ich nach dem Kosten nicht teilen. Denn die vorher im Vakuum-Wasserbad gegarten und dann mit dem Obergrill gebräunten Ripperln sind zwar förmlich vom Knochen gefallen. Gleichzeitig war an jedem Stück Fleisch noch ein beachtlicher Anteil an Fett. Dieses kann im verschlossenen Beutel natürlich nicht wegschmelzen und auch das weitere Grillen unter dem sogenannten „Salamander“ schafft es nicht, die Fettpölsterchen schmelzen zu lassen. Natürlich ist Fett Geschmacksträger – aber sehen muss ich den Schwabbel doch nicht … Die klassische Methode Spareribs bei Niedertemperatur im Ofen vorzugaren, oder vielleicht sogar im Dampfgarer, hätte wahrscheinlich etwas besser funktioniert. Bei der Beize, den schmackhaften, hausgemachten Saucen und den Wedges gab es aber nichts zu beanstanden.

Natürlich haben wir hier auch ein Schnitzel probiert. Das Kalbschnitzel ist für 16,50 Euro verhältnismäßig günstig, zugegebener Weise aber auch eher klein und ziemlich dünn. Abgesehen davon war es geschmacklich aber einwandfrei und so gut wie ein flaches Wiener Schnitzel eben schmecken kann. Die Pommes frites dazu kamen ohne Ketchup daher. Dieses kann wie alle anderen Saucen käuflich (60 Cent) erworben werden. In gutbürgerlichen Gasthäusern kann ich es ja noch verstehen, dass Dinge wie Ketchup, Senf oder Kernöl extra verrechnet werden. Bei einem „Bierwirt“ wirkt das aber unnötig und nur bedingt sympathisch. Zwar werden jetzt wahrscheinlich Wirte dagegenhalten, dass sie ständig von schnorrenden Studenten überlaufen werden, die nur eine Portion Pommes Frites bestellen und dazu einen halben Liter Gratis-Ketchup haben wollen, aber ich bezweifle es. Ich verstehe ja viele der absurdesten Extras auf diversen Speisekarten, aber ein Klacks Ketchup oder Senf zu einer Speise die es noch dazu verlangt, ist für mich eine Frage von gutem Service …

Insgesamt ist der Bierwirt am Naschmarkt eine Aufwertung des kulinarischen Grätzls. Wer gerne am Naschmarkt einkauft, aber eine Abwechslung zum turko-italo-chinesisch-japanischen Mischmasch sucht, der wird hier gut bedient. Die wachsende Bierkarte verspricht Großes, die Servierkräfte sind besonders aufmerksam und sehr freundlich, und die Küchenqualität kann man getrost als „besseren Durchschnitt“ bezeichnen. Also für ein dunkles Kozel und ein kleines Gulasch würde ich sofort wiederkommen!

 

Bierwirt am Naschmarkt
Rechte Wienzeile 21, 1040 Wien
www.bierwirt.wien

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