Adi Weiss
Was? Hat der Gastro-Fuzzi das Lokal schon in der Überschrift verrissen? Nein, hat er nicht! Das würde er niemals machen. Also ein Lokal schon... Bocconcino – Die flachsten Speisen seit Langem

Was? Hat der Gastro-Fuzzi das Lokal schon in der Überschrift verrissen? Nein, hat er nicht! Das würde er niemals machen. Also ein Lokal schon in der Überschrift verreißen. Sonst würde ja niemand den Rest lesen. Und ich glaube nicht, dass ich irgendjemanden beleidige, wenn ich sage, dass Piandine flach sind, denn das haben Fladen in der Regel ja an sich. Eine Piadina ist ein besonders dünner Brotfladen, der in der Emilia-Romagna praktisch schon immer gegessen wurde. Gefüllt werden diese als simple Variante einfach nur mit Schinken und Käse, bis hin zu unglaublich komplexen Kompositionen. Vor etwa 20 Jahren haben die Piadine ihren Siegeszug angetreten, um jetzt in ganz Italien zum beliebten Streetfood zu werden. Der besondere Vorteil der gefalteten oder gerollten Fladen ist, dass pro Speise sehr viel weniger Teig verwendet wird als bei Pizza oder Panino. Und es ist kaum verwunderlich, dass in den Strandhütten von Jesolo, Rimini und Co. Piadine nicht mehr wegzudenken sind. Bei uns in Österreich waren sie aber kaum vertreten. Und genau um diese Lücke zu schließen, hat nun mit dem „Bocconcino“ die allererste Piadineria Wien aufgemacht.

Das Lokal in der Döblinger Hauptstraße ist unscheinbar aber nett, der Garten schattig und ruhig. Die Speisekarte bietet mehr als nur Standardversionen, insgesamt sind es 16 Sorten inklusive einer ganzen Reihe vegetarischer Fladen. Was diese gemeinsam haben ist, dass hier jede Piadina nach der Bestellung frisch gebacken wird. Ich kann mich nicht erinnern, jemals in Italien eine frischgebackene Piadina bekommen zu haben, also muss ich alleine schon vor diesem Umstand meinen Hut ziehen. Gleichzeitig erhöht das natürlich die Wartezeit. Wer es vom Jesolaner Strand gewohnt ist eine resche Piadina in drei Minuten zu bekommen, der muss also etwas mehr Geduld haben. Im Gegensatz zum italienischen Vorbild wird die Piadina hier im Bocconcino nach dem Füllen nicht noch einmal angetoastet. Das hätte den Vorteil, dass der Fladen dann noch ein wenig knuspriger wird und eventuell vorhandener Käse noch mehr schmelzen würde. In Wien wird das aber nicht gemacht. Zum einen, weil gar keine Panini-Presse oder Gastro-Toaster vorhanden sind, zum anderen aus Prinzip.

Wir hatten zunächst zwei Piadine. Einmal eine „Leggenda“ mit Rohschinken, Frischkäse und Rucola. In Italien gibt es andere Sorten Frischkäse als bei uns. Und dort gibt es auch jene Arten, die in diese Piadina besser gepasst hätten. Bei uns wird der Frischkäsemarkt von jener Sorte beherrscht, die nach der Stadt benannt ist, in der die amerikanische Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet wurde. Auf alle Fälle war mir der Frischkäse zu dominant. Die zweite Sorte hieß „L’Estate“ und war mit Bresaola, Ricotta, gegrillten Zucchini und Balsamico-Creme gefüllt. Dafür, dass es gegrillte Zucchini waren, waren sie zu wenig gegrillt und damit leider fad. Die wenigen Blätter Bresaola hatten es schwer, sich geschmacklich gegen die Balsamico-Creme durchzusetzen. Vielleicht hätten wir doch die einfachere Variante mit Kochschinken und Mozzarella probieren sollen? Jedenfalls fehlte mir die in Italien obligatorische „Salsa rosa“ dazu. Diese einfachste aller Cocktailsaucen hätte wahrscheinlich auch bei diesen „edleren“ Versionen der Piadine ganz gut gepasst …

Auch wenn es sich bei beim „Bocconcino“ um die erste Piadineria in Wien handelt, setzen die Betreiber noch auf ein zweites Standbein: Poutines. Das bekannteste Streetfood von Quebec haben die Betreiber aus demselben Grund ausgesucht wie die Piadine: Weil sie köstlich sein können, zudem einfach und günstig sind und vor allem deshalb, weil sie bisher nirgendwo in Wien angeboten werden. In Kanada ist Poutine in der Regel nichts anderes als eine Portion Pommes Frites, die mit Bratensauce übergossen und mit Käse überbacken oder zumindest bestreut wird. Klingt furchtbar, es kann aber auch furchtbar köstlich sein. Vier Sorten werden jetzt auch hier angeboten: Eine klassische Version, aber mit vegetarischer „Bratensauce“, eine mit Pulled Pork und eine mit Pulled Turkey, sowie ein Gericht, dass sich Veggie-Fries nennt und mit Guacamole und Sour Cream gereicht wird. Wir wählten die Truthahn-Variante, weil Pulled Pork hierzulande mittlerweile fast so inflationär angeboten wird wie Beef Tartar.

Serviert wurde unsere Poutine in einer Schüssel, die am Rand mit Rucola ausgekleidet war. In der Mitte waren die doppelt frittierten Pommes Frites und obendrauf das zerfledderte Geflügel. Durch die unterschiedlichen Konsistenzen war das Essen schon einmal nicht besonders leicht, die hohe Schüssel hat es keinesfalls einfacher gemacht. Das Fleisch war zwar leicht unterwürzt, aber jene Bissen bei denen man sowohl Fleisch, als auch Pommes und vielleicht sogar ein wenig Rucola und Paradeiser auf eine Gabel bekam, haben tatsächlich gut geschmeckt. Sobald aber der, nur am Gipfel des Essens-Berges vorhandene Truthahn weggegessen war, hatten die restlichen Pommes nicht mehr viel Sinn. Eine echte Poutine lebt ja davon, dass sich der Bratensaft am Boden sammelt und die gebackenen Kartoffelstäbchen darin baden. Stellen sie sich Würstel mit Saft vor, bei denen kein Saft mehr da ist, dann verstehen sie was ich meine…

Am Schluss probierten wir noch aus reiner Neugier etwas, das sich „Piadina-Burger“ nannte und auf das die Betreiber schwören: Eine gefaltete Piadina gefüllt mit einer pikanten Melanzani-Paprikacreme (aka Ajvar), Mozzarella und einem dünnen Stück sehr fein faschiertem, kompaktem Rindfleisch (aka Pljeskavica). Leider war das Fleisch quasi frei von Röst- oder Grillaromen und noch dazu etwas „chewy“. Dieses Gericht habe ich nicht verstanden, und ich finde auch den Namen etwas irreführend. Aber wie gesagt, die Betreiber schören darauf …

Insgesamt kann man sich freuen, dass im Bocconcino gleich zwei internationale Streetfood-Klassiker bei uns eingeführt werden. Vielleicht schmecken die Piadine noch nicht ganz so wie in Rimini und die Poutines noch nicht ganz so wie in Montreal, aber sie schmecken. Das bestätigen hier auch die Gäste. Spannend ist, dass sich noch keine eindeutigen Favoriten bei den Gästen etabliert haben. Offenbar experimentieren sie also mit den unterschiedlichen Speisen genauso gerne herum, wie das auch die Betreiber tun. Klar gibt es bei der Raffinesse und den Dosierungen der einzelnen Speisen noch Luft nach oben, aber das ist ja auch absolut normal. Um also noch einmal auf den Titel Bezug zu nehmen, waren das hier zwar die flachsten Speisen seit langem, aber definitiv nicht die flachsten flachen Speisen!

Bocconcino
Döblinger Hauptstraße 70, 1190 Wien
bocconcino.eatbu.com

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