Adi Weiss
Gastronaut Fabian J. Holzer testete das Sushi im Restaurant Unkai im noblen Grand Hotel Wien. Dort wird dem Billig-Sushi der Kampf angesagt. Cafe Mendez – Eine ungarische Cocktailbar für Barcelona. In Wien. Mit mexikanischem Essen.

Für viele gilt die „Boutiq Bar“ in Budapest als eine der besten Bars Europas, und eigentlich dachten einige der Betreiber bei der Expansion der Bar Richtung Westen eher ans Mittelmeer, als an eine weitere Stadt an der Donau. Aber wie so oft spielten hier Zufall oder Vorsehung eine Rolle, und es wurde ein Straßenlokal am Wiener Karlsplatz frei. Das besagte Lokal ist seltsam verwinkelt und verbaut, es weist im rückwärtigen Bereich kaum einen echten rechten Winkel auf. Aber dafür hat es eine nette Geschichte zu erzählen. Und zwar jene von einem alten Mexikaner, der jahrzehntelang immer am selben Fensterplatz saß, dort sein Bier trank und mit niemandem geredet hat. Bis er eines Tages eine Flasche Champagner bestellte, eine Lokalrunde schmiss und danach nie wieder dort gesehen wurde. Alles was man von ihm wusste war, dass er Mendez hieß. Und diese Geschichte verhalf dem neuen „Cafe Mendez“ zu seinem Namen. Dass diese Cocktailbar die Bezeichnung Cafe trägt, begründet Betreiber Ferenc Haraszti damit, dass er hier eine Bar, ein Bistro, ein Restaurant und vieles mehr hat. Und „Cafe“ ist dafür doch ein schöner Überbegriff. Soweit, so richtig. Warum es hier nun mexikanisches Essen gibt, hat übrigens zwei Gründe. Zum einen ist es eine Reminiszenz an der alten Herrn Mendez und zum viel wichtigeren anderen, sind die Speisen allesamt so gestrickt, dass sie jeder Mitarbeiter fast nebenbei zubereiten kann, denn die meisten Inhalte sind schon vorbereitet.

Unser erstes Gericht war gleich das so ziemlich wichtigste Bar-Essen, wenn man auf nüchternen Magen bereits zwei Cocktails getrunken hat: Tacos mit Hühnerfleisch. Klingt banal – kann es auch sein – war es aber nicht. Die frisch gebratenen Hühnerbruststreifen wurden in warmen, weichen Tacos mit etwas Koriander, Zwiebeln und einer pikanten, schokoladelastigen Mole serviert. Insgesamt war dieser Happen mit drei Fingern essbar, leicht und trotzdem sättigend. Der dazu gereichte Salat war zwar sehr gut, zerstörte aber irgendwie die Fingerfood-Idee. Immerhin waren wir noch in der Lage verletzungsfrei mit Messer und Gabel zu essen, was angesichts der großen Cocktail-Auswahl sicher nicht immer auf jeden zutreffen dürfte.

In Sachen Cocktails ist man hier so eingespielt, dass die Klassiker erst gar nicht auf der Karte stehen. Ferenc Haraszti meint, dass jemand der am liebsten Whiskey Sour trinkt, diesen auch bestellen und natürlich auch bekommen wird. Wer sich aber gerne inspirieren lassen möchte, für den ist die Karte da. Und die zeigt sich offen, jedoch nicht so „abgehoben“ experimentierfreudig, dass die Gäste dadurch abgeschreckt werden. Signature Drink soll es im „Cafe Mendez“ keinen geben, sondern vielmehr personalisierte Drinks, also eigene Kreationen, die aufgrund der Vorlieben und der Persönlichkeit des Gastes erschaffen werden. Das klingt vielleicht ein wenig nach Scientology, kann aber wunderbar funktionieren. Aber sooo risikofreudig bin ich beim Trinken nicht. Der Daiquiri zum Essen war jedenfalls köstlich …

Für eine Cocktailbar eher unerwartete Speisen sind Suppen. Davon gibt es im Mendez gleich zwei, beide mexikanisch und beide sogar vegetarisch. Die eine ist eine Bohnensuppe mit Sauerrahm und Koriander, aber noch besser sollte die vegane Maiscremesuppe mit Nachos sein. Also probierten wir von dieser. Die Suppe hatte eine mollige und bröckerlfreie Konsistenz und war insgesamt fast wunderbar rund, nur fehlte uns geschmacklich irgendetwas „Wichtiges“. Ich meine jetzt nicht die Extraportion Schärfe, die wir für alle Gerichte erbeten, aber nicht erhalten haben, sondern vielmehr Umami. Mein Gegenüber stimmte mir zu und wir hätten schon fast nach einem Spritzer Sojasauce gefragt, der die Suppe zu einer kleinen Köstlichkeit gemacht hätte – Schmäh ohne! Insgesamt war die Suppe aber auch so nicht schlecht, und die zerbröselten Nachos haben für ein wenig Biss gesorgt.

Ein weiterer schöner Cocktailbegleiter war das mexikanisch angehauchte Pulled Pork Sandwich, bei dem die Geilheit des zerflederten Schweinsbratens durch die Aromen von Koriander, Jalapeno und Limette noch ein schönes Stück Raffinesse erhält. Gepaart mit Cheddar und dem flaumigen Brot ermöglicht dieses durchaus köstliche Sandwich hier mindestens zwei weitere Cocktails. In unserem Fall waren das „Zwack’n’Soda“ mit Zwetschken-Unicum und Gurke, sowie ein „Japanese Beez“ mit Matcha-Tee, Honig und Japanischem Whiskey. Okay, auch ich wurde mit zunehmender „Sättigung“ experimentierfreudiger. Beide Cocktails waren einfach sensationell, schmeckten aber bei weitem nicht so stark wie sie waren. Also Vorsicht beim Nachtrinken!
Ein glatter Bauchfleck war für uns das hiesige Jerk Chicken Baguette. Anstatt wie bei jedem traditionellen Jerk-Gericht auf eine schöne (und mittlerweile überall erhältliche) Marinade oder zumindest Sauce zu setzen, wird im „Mendez“ nur eine trockene Gewürzmischung verwendet, die geschmacklich nicht im Entferntesten an Jerk erinnert. Das Resultat war ziemlich trockenes Hühnerfleisch, das vielleicht noch als BBQ durchgegangen wäre. Nach dem tollen Pulled Pork und der freudigen Erwartungshaltung Richtung Jerk Chicken, hat uns dieses Baguette wahrscheinlich noch viel weniger gut geschmeckt, als es tatsächlich war. Das idente gegrillte Hühnerfleisch mit einer handelsüblichen Jerk-Sauce wäre um Welten besser gewesen…
Die süße Versöhnung kam dann noch in Form eines Schokotörtchens mit Jägermeister-Einlage. Noch steht das Gericht gar nicht auf der Karte, wenn es aber erst draufstehen wird, könnte das außen knusprige und innen flaumige kleine Etwas aber noch zum Hit werden. Den Jägermeister erschmeckt man übrigens erst dann, wenn man weiß, dass er drinnen ist. Trotzdem köstlich!

Insgesamt ist das „Cafe Mendez“ – und so etwas schreibe ich sonst fast nie – tatsächlich so etwas wie ein Platz zum Wohlfühlen. Die Drinks sind wunderbar und gleichzeitig im Vergleich mit anderen Innenstadt-Bars noch leistbar. Auch das Essen ist für ein Lokal in dieser Lage zum einen relativ günstig und zum anderen wirklich gut. Vom Jerk Chicken Baguette einmal abgesehen. Und wem die Fenster-Front Richtung Karlsplatz zu umtriebig ist, der kann sich ab September auch in die hinteren Räume zurückziehen, in das bald wohl lässigste „Speakeasy“ der Stadt. Ich glaube, hier werde ich gerne ´mal versumpern …

Cafe Mendez
Karlsplatz 2, 1010 Wien
www.mendez.at

Mehr von Fabian J. Holzer: