Adi Weiss
Casey Affleck hatte 2010 sein Debüt als Regisseur und Autor mit „I’m still here“ gefeiert – ein hochgelobtes Werk, das aber infolge von Vorwürfen... Casey Affleck präsentierte "Light of my Life" in Berlin

Casey Affleck hatte 2010 sein Debüt als Regisseur und Autor mit „I’m still here“ gefeiert – ein hochgelobtes Werk, das aber infolge von Vorwürfen der Übergriffigkeit durch zwei Mitarbeiterinnen gegen den Filmemacher überschattet wurde. Neun Jahre später präsentiert der 43-Jährige nun mit „Light of my Life“ seine zweite Arbeit: Das postapokalyptische Szenario eines Vaters in einer Welt ohne Frauen.

Als Weltpremiere im Berlinale Panorama am Freitagabend gezeigt, ist Afflecks Film das ruhige Porträt einer Vater-Tochter-Beziehung, auch wenn dies anfangs nicht klar ist. Schließlich gibt Affleck als Vater seine Tochter Rag (die großartige Kinderdarstellerin Anna Pniowsky) als Sohn aus, um sie zu schützen. Auch als Zuschauer entdeckt man nicht sofort, dass es sich bei der Elfjährigen um ein Mädchen handelt.

Die beiden zelten im Wald, abseits der übrigen Menschen – respektive Männer. Schließlich hat, wie der Film nur langsam enthüllt, eine Seuche alle Frauen ausgelöscht. Nur Rag ist mysteriöserweise immun gegen die Krankheit. Umso gefährdeter ist das Mädchen in einer von Männern beherrschten Welt, in einer zerfallenden Gesellschaft, in der primär das Recht des Stärken gilt und es unablässig regnet. Die Welt ohne Frauen ist außer Balance.

Und doch spielt die Action sich nur selten in den Vordergrund, hat die Tragödie nur eine untergeordnete Rolle. Es geht weniger um die Katastrophe als um das, was sie mit den Menschen macht. Letztlich sieht sich ein Vater mit einer Elfjährigen konfrontiert, die vor der Pubertät steht, der er die Welt erklären muss und doch nicht kann.

Für dieses Verhältnis nimmt sich der Film Zeit: Affleck bemüht sich im Reinhold-Messner-Look, seine Tochter, mit der von einem Zufluchtsort zum nächsten flieht, als Frau ins Leben zu bringen. Und die von Anna Pniowsky als unsichere und doch zunehmend stärker werdende Figur gespielte Rag muss ihre eigene Persönlichkeit entwickeln – letztlich auch als Emanzipationsprozess vom Vater. „Es geht darum, dass sie ihre eigene Geschichte finden muss – und am Ende tut sie dies“, zeigte sich die 12-Jährige in der Pressekonferenz nach der ersten Vorführung des Werks selbstbewusst.

Das Hintergrundszenario einer Seuche habe für ihn praktische Erzählungsgründe gehabt, unterstrich Affleck: „Wenn man alles ausradiert, was die Menschheit ausmacht, gibt das einer Geschichte Raum, die metaphorisch ist. Es isoliert die Beziehungen.“ Einzig in wenigen Flashbacks wird das vormalige Familienleben beleuchtet, wobei Shootingstar Elisabeth Moss die Mutter verkörpert.

So habe das Verhältnis seiner beiden Hauptfiguren für ihn stets im Zentrum des Interesses gestanden, so Affleck: „Ich bin kein Experte, was ein feministischer Film wäre. Aber einige der Werte des Films könnte man wohl so nennen. Ich wollte aber weniger einen politischen Film machen, sondern eine Geschichte über einen Vater und ein Kind.“

Dass er als Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller dabei alles in einer Hand hatte, sieht Affleck ambivalent. Die Diskussion untereinander falle einfacher aus, wenn sie ein Selbstgespräch sei. „Aber immer, wenn etwas im Drehbuch nicht funktioniert hat, war es meine Schuld. Wenn eine Szene nicht gut vorbereitet war, war es meine Schuld. Wenn die Chemie am Set nicht gestimmt hat, war das meine Schuld. Aber ich habe das immer für mich behalten.“

Als Reaktion auf die gegen ihn erhobenen Vorwürfe oder die im Vorjahr die Filmwelt dominierende #MeToo-Debatte will Affleck sein Werk nicht verstanden wissen. „Es ist keine Antwort darauf. Ich habe diesen Film gemacht, bevor diese Themen global diskutiert wurden. Die Gedanken dieses Film waren mir immer schon sehr nahe.“