Adi Weiss
Lange bevor es bei uns asiatische „All you can eat“-Lokale gab, existierten in Wien zwei Churrascarias, von denen eine bis vor Kurzem in der... Churrascaria – Nur für wahre Spießer

Lange bevor es bei uns asiatische „All you can eat“-Lokale gab, existierten in Wien zwei Churrascarias, von denen eine bis vor Kurzem in der Schellinggasse in der Innenstadt beheimatet war. Die Gemeinsamkeit der südbrasilianischen Fleischtempel mit den asiatischen Ausspeisungen ist der Pauschalpreis für das Essen und die Möglichkeit bis zum Abwinken zu konsumieren. Während aber die Asia-Buffets in der Regel eher niedrige Preise haben, ist der Pauschale für ein südamerikanisches Fleischerlebnis erheblich höher. Und gerade deshalb artet der typische Churrascaria-Besuch eines oftmals sierig-geizigen Wieners meist in ein hemmungsloses Fressgelage aus: er will sein Geld bis zum letzten Cent „zurückkonsumieren“ und überfrisst sich dabei hemmungslos! Dabei ist das die komplett falsche Art eine Churrascaria zu besuchen. Wie es wirklich geht, zeigt die neue Location der Churrascaria beim Naschmarkt.
Die Räumlichkeiten haben tatsächlich eine Wandlung vom Saulus zum Paulus durchgemacht: wo früher im berüchtigten „Camelot“ frittiertes „Ritteressen“ für Magenverstimmungen und verfettete Blutgefäße gesorgt hat, wurde nun ordentlich investiert. Aus den ehemaligen dunklen, hässlichen Gewölben wurde eine Ansammlung an Speiseräumen, die in Sachen Funktionalität und Design an eine Industrie-Werkskantine erinnern. Und das meine ich in keinster Weis negativ: die Tische, Sesseln, Vitrinen, Toiletten usw. sind allesamt neu, sauber und alles wirkt neutral. Hier steht also eindeutig das Essen im Vordergrund, und nichts lenkt davon ab. Vielleicht die hübschen Kellnerinnen … aber wenn ich jetzt mehr darüber schreibe, bekomme ich zu Hause Probleme.
Wer hier reserviert hat und noch nie in einer Churrascaria irgendwo auf der Welt war, dem sei das Konzept schnell erklärt. Irgendwo befindet sich ein Buffet mit Salaten und Beilagen, wobei es sich bei den Beilagen in der Regel um brasilianische Beilagen handelt. Unbedingt zu probieren ist die Feijoada, ein dunkler Eintopf mit schwarzen Bohnen und Schweinefleisch, alleine dafür lohnt sich der Besuch. Wer mehr auf komplett frisch gemachtes und eher sättigendes Begleitwerk steht, dem werden am Platz laufend portionsweise Pommes Frites, Zwiebelringe, gebackene Bananen und ähnliches serviert. Hat man dann also seine kalten Beilagen, Salate und Saucen beisammen (die ganz scharfen sind in einer Vitrine weggesperrt und werden nur bei Bedarf und Erklärung der tatsächlich höllischen Schärfegrade freigegeben), kann der „Säbeltanz“ der aus Brasilien importierten Churrascieros nun endlich beginnen.

Neben dem Grillmeister sind die Churrascieros die wahren Helden jeder Churrascaria. Sie laufen nach einem genau festgelegten Plan von Tisch zu Tisch und bieten den Gästen von ihren Spießen an. Diese Spieße beinhalten gegrilltes Fleisch aller Art, aber von Anfang an von hoher Qualität. Es gibt immer wieder Gäste, die aufgrund des Ablaufs der Spieß-Servierung in einer Churrascaria meinen, dass zuerst billiges Fleisch serviert wird, damit man später, bei den teuren Stücken, keinen Hunger mehr hat. Das ist Schwachsinn! Leute die das behaupten sind lediglich ungeduldig und haben sich zu früh mit zu großen Mengen vollgestopft. Für die richtige Handhabung bis zur absoluten Sättigung gibt es zwei einfache Strategien. Entweder, man informiert sich zuerst bei Churrascieros, was es aktuell alles gibt und konzentriert sich dann auf bestimmte Gerichte. Das wäre zwar zielführend, aber gleichzeitig auch fad. Oder man macht das, was einem die Betreiber des Lokals auch ans Herz legen: von allem probieren. Das ist zum einen spannend und unterhaltsam und zum anderen kann man zu jedem beliebigen Zeitpunkt zwischen den Gerichten hin- und herwechseln. Logisch, dass wir uns für zweitere Variante entschieden haben!
Der Aufmarsch der Churrascieros startete mit Hühnerbrust eingerollt in Speck und Cheddar. Nachdem der Speck und der Käse sich hier gegenseitig erschlagen haben, fällt es mir etwas schwer zu sagen, wie toll das Hühnerfleisch war. Die darauf folgenden Chicken Wings vom Spieß waren aber toll. Ein Stück davon hat gereicht um zu wissen, dass sie wirklich köstlich waren. Aber man kommt natürlich nicht wegen der Hühnerflügerl in eine Churrascaria, sondern wegen des Rindfleischs. Im 5-Minuten-Takt präsentierten uns die Kellner immer neue Spieße mit unterschiedlichen Teilen von Kühen, immer in einer Garstufe, die abgesehen von der äußersten Schicht als „medium“ zu bezeichnen wäre. Die Churrascieros sprechen in der Regel nicht Deutsch und kennen hauptsächlich nur die Bezeichnung der jeweiligen Speise. Aber die Kommunikation funktioniert hier auch so tadellos. Wichtig ist es, ihnen immer zu zeigen, dass man jeweils nur eine kleine Scheibe Kuh haben möchte, damit man sich nicht überisst bevor man fürs nächste Mal weiß, wovon man eventuell größere Mengen haben möchte.
Die allermeisten Spieße sind in Sachen Garstufe und Konsistenz perfekt gegrillt und auch wirklich schön gewürzt. Gleichzeitig ist es aber auch vorgekommen, dass manche Fleischstücke zäher oder salziger waren, als sie es hätten sein müssen. Bei der Menge an unterschiedlichen Gerichten, ist das aber wirklich entschuldbar. Damit einem nicht zu schnell eine Kuh aus den Ohren rauswächst, werden immer wieder auch andere Spezies serviert, wie ein wunderbarer gegrillter Surbraten, herzhafte brasilianische Würste, auf der Zunge zerfallende Spareribs oder auch köstliche gegrillte Ananas.
Insgesamt lohnt sich der Besuch im neuen Standort der Churascaria allemal, denn die Spieße sind großteils wunderbar, die warmen Beilagen immer frisch und die kalten Beilagen schön abgestimmt. Mit dem Aberglauben, dass man hier nur ungesundes Essen bekommt und noch dazu nach dem Besuch an Übersättigung einzugehen droht, wird hier eindeutig aufgeräumt. Mein nächstes Mal in der Churrascaria ist also nur mehr eine Frage der Zeit…

Churrascaria
Rechte Wienzeile 21, 1040 Wien
www.churrascaria.at