Adi Weiss
wandern
Gastronaut Fabian J. Holzer testete das Sushi im Restaurant Unkai im noblen Grand Hotel Wien. Dort wird dem Billig-Sushi der Kampf angesagt. Das „Wanderern“ ist den Winzers Lust

Wer in Wien „Wandern“ geht, der zieht in der Regel von einem Heurigen im Grünen zum nächsten. Wer es wirklich ernst mit dem Wandern meint, der ist dann aber eher dort unterwegs, wo es keine Heurigen mehr geben darf. Damit die Wanderer aber auch in diesen heurigenlosen Gegenden nicht an Entbehrung sterben müssen, gibt es ja dankenswerterweise in allen Wiener Weingegenden immer mehr Pop-Up-Buschenschanken, in denen am Wochenende – und nur dann! – Weine, Säfte und selbstgemachte kalte Speisen angeboten werden. Was genau das alles sein darf, schreibt das strenge Buschenschankgesetz vor. Für alle, die den wunder- und wanderbaren Stadtwanderweg Nummer 1 in Angriff nehmen, gibt es jetzt einen neue allererste Anlaufmöglichkeit.
Wer nach 13 Minuten alleranstrengenster Bergauf-Wanderung von Nussdorf kommend, den Heiligenstädter Friedhof erreicht hat und dann Ödön von Horvath, Udo Proksch und Karlheinz Hackl rechts liegen hat lassen, der steht am Ende der Friedhofsmauer vor der neuen Buschenschank „Wanderer“. „Nomen est omen“, denkt sich der Einkehrende und weiß zunächst gar nicht, dass er historischen Boden betritt. Denn über Jahrzehnte war der Heurige Wanderer in der Grinzinger Straße eine wahre Institution gewesen, deren Ausläufer es zumindest in Stammersdorf mit dem Heurigen Fritsch-Wanderer auch heute noch gibt. Um aus dem wunderschönen Weingarten eine Buschenschank zu machen, war für Andreas Coreth, den Lebensgefährten von Karin Wanderer eigentlich gar nicht so viel nötig: Ein paar Tische und Bänke, ein paar Sonnenschirme, ein Plumpsklo und natürlich ein mobiler Verkaufsstand, den man heute wohl am ehesten als „Food Truck“ bezeichnen würde – und mehr ist es auch gar nicht.

Aber gerade die überschaubare Einfachheit der Location macht hier den Charme aus. Keine 100 Meter weiter könnte man auch in die Buschenschank eines bekannten Brustvergrößerers gehen, und weitere 50 Meter weiter oben gäbe es auch noch die ausgezeichnete Schank von Andi Wagner aus dem Feuerwehr-Wagner-Clan. Natürlich wäre die Annahme einleuchtend, dass sich hier drei Buschenschanken im Umkreis von 200 Metern so sehr kanibalisieren würden, wie die Kebab-Stände in der Ottakringer Straße. Andreas Coreth sieht das aber anders und meint, dass mehr dieser wahnsinnig simplen und gemütlichen Locations das Geschäft eher fördern als behindern. Und das kann sogar gut möglich sein, wenn es sich erst einmal herumgesprochen hat, dass hier ein Buschenschank-Cluster entstanden ist.

Das Getränkeangebot erklärt sich hier im Wesentlichen von selbst, ist man doch an den eigenen Heurigen in Stammersdorf gekoppelt, und das gilt auch für die Speisen. Als deren Stellvertreter probierten wir vom für den Heurigen „selbstgemachten“ Liptauer. Wer sich geschmierte Brote erwartet, der möge doch bitte zum echten Heurigen gehen, in der Buschenschank muss das Brot noch selbst bepinselt werden. Das Brot selber ist überraschend gut, der Aufstrich dafür durchschnittlich in Ordnung. Als Döblinger Eingeborener weiß ich, dass hier im Vergleich zur Konkurrenz noch viel Luft nach oben wäre, aber insgesamt war der Liptauer in Ordnung. Großartig ist jedoch das von Andreas Coreth selbstgebrühte Roastbeef. Dieses hat er liebevoll stundenlang „sous vide“, also vakuumverpackt im Wasserbad niedertemperaturgegart. Das Resultat ist ein so herrlich butterweiches und intensives Fleisch, dass man sich nicht mehr im Weingarten, sondern im edlen Bistro wähnt. So fühlt man sich aber nur, wenn man die dazu gereichte Sauce weglässt. Ich denke, es hätte eine Sauce Tartare sein sollen, war mir aber nicht ganz sicher. Jedenfalls hätte das plumpe Sößchen meinen tollen Eindruck vom Fleisch beinahe verfälscht.

Insgesamt lohnt sich der Ausflug hierher allemal, denn der Wein ist köstlich und günstig, die Lage traumhaft und die Stimmung ausgelassen. Dazu tragen nicht nur der lockere Umgang der Betreiber mit ihren Gästen, sondern auch musikalische Aktionen bei. So treten hier, mitten im Weingarten, immer wieder Musiker jenseits der Heurigenkultur auf und unterhalten sowohl die Nomen-Wanderer als auch die Omen-Wanderer – das nächste Mal die Band „Teddy Bear Cove“ am 29. Juli am späten Nachmittag.
Und ich sage es nach all den Mühen gerne noch einmal: so ein Tellerchen mit Roastbeef ist den anstrengenden 13-Minuten-Marsch von Nussdorf allemal wert.

Buschenschank Wanderer
Wildgrubgasse, 1190 Wien
www.facebook.com/BuschenschankWanderer/

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