Adi Weiss
Gastronaut Fabian J. Holzer testete das Sushi im Restaurant Unkai im noblen Grand Hotel Wien. Dort wird dem Billig-Sushi der Kampf angesagt. Die Allee zum Genuss – noch vor dem Lesen reservieren!

Der Gedanke, zum „gut Essen“ in den Wiener Prater zu fahren, wäre bis vor kurzem noch so abstrus gewesen, als ob man nach Favoriten wollte, um die Architektur zu bewundern oder nach Grinzing wegen der Jugendkultur. Im Mikrokosmos Prater dominieren die Panierer und Frittierer, die Branntweiner, die Stelzenkönige und die Zuckerbomber. Aber aus einem kulinarischen Sumpf ragt seit Kurzem ein wahres Leuchtfeuer … und gibt Rauchzeichen.
Die ehemalige Brunswick Bowling Halle in der Prater Hauptallee war nun wirklich niemals ein Mekka der feinen Aromen. Meist ältere Bowler bekamen hier um 4,90 Euro ein Mittagsmenü, damit sie nicht vom Fleisch fallen und beschwerten sich, wenn das Menü aufgrund besserer Zutaten an manchen Tagen stolze 5,90 Euro gekostet hat. Wer auf Basis dieser Klientel ein Gastrokonzept aufbauen möchte, braucht vor allem Mut. Und diesen kann man Philipp Pracser keinesfalls absprechen, da er diese Location 2015 übernommen und um ein mittleres Vermögen aufwendig renoviert hat. Gebowlt wird hier 2 Jahre später noch immer, im Vordergrund steht in der neueröffneten „Allee zum Genuss“ – die ich ab hier nur mehr „Allee“ nennen werde – jedoch der besagte Genuss. Bis jetzt habe ich in Sportstätten allerdings noch nie etwas gegessen, dem ich auch nur annährend das Mäntelchen „gut“ umgehängt hätte – mit Ausnahme einiger Hotdogs in den USA.
Den Machern der „Allee“ ist es bei ihrem neuen Konzept eigentlich gar nicht so wichtig gewesen, dass es sich von anderen Lokalen in Wien unterscheidet, sondern vielmehr, mit ihrer Idee im Prater einzigartig zu sein. Gelungen ist ihnen beides, denn der Zugang „Smoking“ hatte in Wien bisher kaum funktioniert. Es gab zwar einige Lokale, die sich einen Smoker, ja sogar eine sogenannte „Lok“ zugelegt hatten, nur konnte bisher niemand richtig damit umgehen. Und ja, es gab auch mehrere Popup-Lokale, die am Donaukanal wahnsinnig überteuertes Fleisch gesmokt und damit den Gedanken beim Smoken einfacheres Fleisch zu veredeln, vollkommen ad absurdum geführt haben.
Der Smoker, der nun zum Wahrzeichen der „Allee“ werden dürfte, ist mit seinen insgesamt sieben Metern schon beeindruckend, wobei aber natürlich die Größe keinerlei Einfluss auf den Geschmack hat. Auf der ersten Speisekarte des Lokals stehen zwar auch Posten wie Schnitzel, Backhendl, Eiernockerl und Co., für uns war aber natürlich die smokende Lokomotive das Zentrum des Interesses.

Okay, zum Start probierten wir etwas nicht Gesmoktes, konkret das asiatische Beef Tartare, nur um zu sehen, ob der Küchenchef kreativ ist. Und ja, das ist er … denn die Komposition aus feinem Rindfleisch, Koriander, Jungzwiebel, Ingwer und Austersauce ist wirklich gelungen.
Das erste Gericht aus dem Smoker würde ich sofort wieder essen und das, obwohl es trotz 32° Außentemperatur fast schon herbstlich angemutet hat: Eine geräucherte Erdäpfelsuppe. Hierfür wurden – wie wir später erfahren haben – französische Minikartoffeln weich geräuchert und dann mitsamt den Raucharomen in der Schale aufgemixt und abgeseiht und mit frischen (!) Waldpilzen serviert. Der Geschmack war dezent rauchig, überhaupt nicht aggressiv und wir mussten sogar nachfragen, ob sich hier nicht vielleicht doch ein Stückchen Speck in die Suppe verirrt hat. Nein, dieser cremige, dreiviertelflüssige Traum ist tatsächlich vegetarisch. Übrigens der bisher einzige auf der Karte. Zwar haben wir noch von einem Käse-Birnen-Salat mit roten Rüben und Nuss-Bröseln probiert, aber dieser war es nicht annähernd so stimmig wie die Suppe. Die Schaf- und Ziegenkäsestücke schmeckten allesamt ziemlich mild bis fad und die Birne (ebenfalls mild bis fad) war nur in homöopathischen Dosen vorhanden. Allein die geräucherten roten Rüben hatten ein interessantes Aroma. Für Vegetarier hätte es auf der Karte noch Eiernockerl und Süßspeisen gegeben. Uns wurde rasch klar, dass diese Gästegruppe hier noch nicht intensiv bedacht wurde – angeblich wird sich das aber mit der neuen Karte ändern.
Als nächstes war der Allee-Cheeseburger an der Reihe. Beschrieben wird dieser mit 200 Gramm Rindfleisch, Cheddar, Röstzwiebeln, einer geheimen Sauergemüse-Sauce und Salat. Bestellt haben wir den Burger „medium rare“ und genauso wurde er auch serviert. Und nein, das ist in unseren Breitengraden nicht unbedingt selbstverständlich, schön wäre es … Schon beim Anblick des Inneren des Burgers, war sofort klar, woher der Koch kommt: Aus Ungarn. Auch wenn Zoltan Pandur betont, dass er tatsächlich nie in Ungarn gekocht hat und somit ziemlich alles verpasst hat, was dort in den letzten Jahren passiert ist, so ist der Allee-Burger ein typisch ungarischer Burger. Bei diesem steht in der Regel nicht einfach nur das Fleisch, das Brot oder der Käse eines Burgers im Vordergrund, sondern vielmehr ein neuer Gesamtgeschmack, der durch die Komposition einzelner Schichten und Texturen entsteht. Die verschiedenen Komponenten, wie auch das Fleisch sind somit eher Ensemble-Mitglieder als Hauptdarsteller. Sollte das Fleisch hier übrigens mit dem Smoker in Berührung gekommen sein, hätte ich es nicht geschmeckt, das wäre in diesem Fall aber auch eher untergegangen. Insgesamt war der Burger spannend und gut, wobei die pure Menge des verwendeten selbstgebackenen Brioche-Brotes jedoch eine Spur zu viel des Guten war. Die dazu gereichten handgeschnittenen Pommes Frites waren erstklassig.
Traumhaft und für österreichische Verhältnisse ordentlich bis sehr scharf sind hier die „Waldfeuer Spare Ribs“, die mit einer betörenden Chili-BBQ-Sauce und ebenfalls Pommes Frites serviert werden. Ich bin zwar sonst nicht der größte Fan von Rippchen, aber das liegt schlicht und einfach daran, dass sie meistens zu zäh, zu fett und zu unergiebig sind. Die aus der „Allee“ haben jedoch ausreichend große, überraschend zarte und magere Fleischstücke an den Rippen und das Fleisch fällt sprichwörtlich schon dann von den Knochen, wenn man es nur böse anschaut. Das Geheimnis dahinter liegt in der liebevollen und sehr aufwendigen Vorbereitung der Rippen, die – wie uns Zoltan Pandur erzählt hat – zuerst ein stundenlanges Niedertemperatur-Bad nehmen und erst im fast schon garen Zustand Bekanntschaft mit dem Smoker machen. Das Ergebnis ist butterweich und köstlich, wobei man schon bei der Bestellung für ausreichend Servietten und Feuchttücher sorgen sollte, man wird sie brauchen!
Absolutes Highlight war für uns aber der geräucherte Wiener Tafelspitz. Das mürb-magere Fleisch ist ja klassisch die Grundlage der edelsten Suppe und darin oft eine Sensation für sich, besonders dann, wenn man weiß, wo man hingehen soll um selbige zu genießen. Dabei kann man übrigens die Plachutta-Variante getrost links liegen lassen und zum Beispiel lieber „Zum Renner“ am Nussdorfer Platz pilgern. Die Allee-Variante kommt, wie der Name schon sagt, aus dem Räucherer und hat mit der gekochten Version nur mehr eine marginale Ähnlichkeit. Hätten wir dieses Fleisch blind verkosten müssen, wären wir wahrscheinlich zuerst verstummt und hätten dann vielleicht auf so etwas wie ein geräuchertes Roastbeef getippt. In Wahrheit bietet der geräucherte Tafelspitz aber ein ganz neues Fleischerlebnis! Die dazu servierte BBQ-Sauce war für das zarte Fleisch viel zu intensiv und die dazu gereichten Baby-Kartoffeln mit Schale sicher nicht die optimale Beilage, aber der Tafelspitz per se ist eine Offenbarung.
Insgesamt möchte ich eigentlich gleich morgen wiederkommen und mir mit jemandem zuerst eine Erdäpfelsuppe, dann die scharfen Spare Ribs und unbedingt auch noch den Tafelspitz ohne Kartoffeln teilen. Der Zugang geht also auf … endlich wird in Wien ein Smoker richtig eingesetzt! Vegetarier müssen sich wohl noch etwas gedulden, aber sobald die Karte adaptiert ist, werden auch sie von der genialen, räuchernden Lokomotive schwärmen.
Auch wenn das Lokal noch ziemlich neu ist, so sind die Plätze draußen entweder rasch besetzt oder extrem schnell ausreserviert. Insofern sollte man unbedingt sofort reservieren. Und genau das werde ich jetzt auch tun …

Die ALLEE zum GENUSS
Prater Hauptallee 124, 1020 Wien
www.dieallee.at

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