Adi Weiss
Kalt lässt seine Kunst niemanden: Hermann Nitsch sorgt mit seinen Bildern und Aktionen seit Jahrzehnten für Aufsehen und intensive Erlebnisse. Der Aktionskünstler, der sich... Hermann Nitsch: "Macht man neue Kunst, gibt es ein Problem"

Kalt lässt seine Kunst niemanden: Hermann Nitsch sorgt mit seinen Bildern und Aktionen seit Jahrzehnten für Aufsehen und intensive Erlebnisse. Der Aktionskünstler, der sich einem allumfassenden Kunstbegriff verpflichtet sieht, feiert diesen Sommer seinen 80. Geburtstag. Diesen würdigt das Nitsch Museum in Mistelbach mit einer neuen Ausstellung, die sich biografisch seinem „Leben und Werk“ nähert.

Vor der Eröffnung der mit rund 500 Exponaten äußerst umfangreich ausgefallenen Schau am Samstag sowie dem alljährlichen Pfingstfest auf seinem Domizil, Schloss Prinzendorf im Weinviertel, traf die APA den Künstler zum ausführlichen Gespräch: über runde Jubiläen, das Wechselspiel aus Kritik und Anerkennung sowie sein Vorhaben, das legendäre 6-Tage-Spiel noch einmal zu inszenieren.

APA: Am Wochenende gibt es Ihr jährliches Pfingstfest, außerdem wird in Mistelbach eine neue Ausstellung eröffnet. Eine recht intensive Zeit für Sie, oder?

Hermann Nitsch: Man wird nur einmal 80. Das ist eine Gelegenheit, eine Bilanz zu erstellen, was geleistet worden ist. Wir haben eine große Ausstellung in Mistelbach, wo vor allem Dokumentarisches gezeigt wird, aber auch einige Schlüsselwerke. Und bei jedem Pfingstfest wird hier das ganze Haus zu einer großen Ausstellung.

APA: Wie ist es Ihnen denn gegangen mit dem Rückblick auf Ihr Schaffen?

Nitsch: Es war sehr ereignisreich, irgendwie sehr turbulent. Ich habe viel Freude erfahren mit meiner Arbeit, auch viel Anerkennung gefunden, wurde aber leider auch sehr angefeindet. Es ist auch vielen meiner Kollegen so gegangen. Was man Schiele, Kokoschka, Schönberg oder Bruckner angetan hat – das gehört dazu. Wenn man neue Kunst macht, dann gibt es ein Problem. Das war auch bei den Impressionisten so. Ja, so ist es eben. Und es hört ja jetzt auch noch nicht auf. Ich habe für Politik nichts übrig, aber es gibt schon politische Auffassungen, die meine Arbeit immer noch bekämpfen.

APA: Kann man mit der Zeit mit diesen Anfeindungen gelassener umgehen – weil eben die Anerkennung auch da ist?

Nitsch: Ich würde eher sagen: Das Ganze, was sich im Zusammenhang mit meiner Arbeit ereignet, ist irgendwie ein Abbild der Schöpfung. Es gibt irrsinnig viele Sonnensysteme und Galaxien, und unsere Sonne ist eine permanente Atombombenexplosion. Wenn die Entfernung richtig ist, dann blühen Bäume und Blumen, Leben entsteht. Ist die Entfernung nicht richtig, dann ist die Katastrophe gegeben. Die Natur enthält alles: Den zerstörerischen Exzess und auch den Aufbau. Meine Arbeit wollte und will nie was anderes, als eigentlich nur in die Schöpfung eindringen und die Natur so zeigen, wie sie ist. Ich beschwer‘ mich da gar nicht. Ich glaube, eine Kunst, die intensiv ist, die eckt einerseits an, andererseits vermag sie sehr, sehr zu begeistern.

APA: Gibt es in Ihrem Frühwerk Aspekte, die Sie neu entdecken oder mittlerweile einfach anders sehen?

Nitsch: In letzter Zeit habe ich mich mit meinen früheren sprachlichen Resultaten, den Wortdichtungen des Orgien Mysterien Theaters, auseinandergesetzt. Ich bin vielleicht sogar stolz darauf, dass ich in dem Sinn gar keine so sehr zeitlich bedingte Entwicklung habe. Ich bin eigentlich immer durchgestoßen zu archetypischen Situationen, die habe ich damals so vorgefunden, wie ich sie heute vorfinde.

APA: Das bedeutet dann wohl auch, dass sich Ihr Antrieb seitdem nicht verändert hat.

Nitsch: Unbedingt, unbedingt! Man muss vielleicht ökonomischer mit seiner Kraft umgehen, man darf weniger verschwenden. Und wenn ich Glück habe, werden meine letzten Resultate vielleicht die besten sein. Da wäre ich sehr stolz darauf, wenn mir das möglich wäre. Es gibt ja in der Kunstgeschichte eine Geschichte der Spätwerke – sei es bei Michelangelo, Beethoven, Bach oder Tizian. Ich würde mich sehr freuen, wenn es mir gelingt, von der Struktur her immer wieder das Gleiche zu zeigen, aber es verfeinert sich immer mehr. Ich hoffe, dass ich noch offene Zeit für die Entwicklung meiner Arbeit habe.

APA: Ganz zentral in Ihrem Schaffen ist natürlich das 6-Tage-Spiel von 1998. Sie haben zuletzt mehrfach eine Neuinszenierung in Aussicht gestellt. Wie konkret ist das bereits?

Nitsch: Wenn es mir finanziell erlaubt ist – dafür gibt es keine Subvention, das muss ich mir alles selber bezahlen -, möchte ich 2020 noch ein 6-Tage-Spiel machen. Das 6-Tage-Spiel ist eigentlich ein Werk in Entwicklung, das ist nie fertig. Ich hoffe eben auch, in dem Sinne wie ich es vorher gesagt habe, dass mein neues 6-Tage-Spiel vielleicht das Beste ist, was ich je gemacht haben werde. (lacht) Wenn ich es gesundheitlich schaffe und es mir einigermaßen möglich ist, das Geld dafür aufzutreiben, möchte ich ein 6-Tage-Spiel vielleicht in seiner intensivsten Form hinlegen.

APA: Ist es für Sie von daher logisch, dass das eigene Werk immer weiter geht und eigentlich nie endet?

Nitsch: Es hat wirklich kein Ende. Ich finde es größenwahnsinnig zu glauben, jetzt ist das Werk abgeschlossen. Irgendwie hört es auf mit dem Tod, aber schon sind wieder andere Künstler da, die weiter und weiter machen. Die ganze Kunst ist ein unendliches Work in progress – und eben auch die Schöpfung.