Adi Weiss
Gastronaut Fabian J. Holzer testete das Sushi im Restaurant Unkai im noblen Grand Hotel Wien. Dort wird dem Billig-Sushi der Kampf angesagt. Jamie kommt! – Na und?

Was bringt der Küchen-Messias nach Österreich?
Die Aufregung ist immer noch groß: Nur mehr weniger Wochen, dann eröffnet am Wiener Stubentor „Jamie’s Italian“. Viele Gastronomen sind schon ganz aufgeregt und fragen sich, welche weltverändernde Neuerungen der britische Food-Papst wohl in die kulinarisch rückständige Alpenrepublik bringen wird und auch die Jünger von „Jamie von Essex“ können es kaum mehr erwarten, dass ihnen endlich einmal auf internationalem Niveau Augen und Münder geöffnet werden. Aber können wir die Kirche bitte im Dorf lassen?

Genialer Koch oder doch nur genialer Geschäftsmann?

Die Idee von Jamie Oliver 2008 gemeinsam mit seinem kulinarischen Ziehvater Gennaro Cotaldo eine Restaurantkette mit italienischem Fokus aufzuziehen, war eigentlich eine gute. Im Gegensatz zu Österreich war wirklich gute italienische Küche in Großbritannien erschreckend selten vertreten und bestand bestenfalls aus Pizzerien mit Elektroöfen mit einigen zerkochten Pastagerichten. Aufgrund der steigenden Popularität von Jamie Oliver wuchs auch das Interesse der Leute an gutem und gesünderem Essen, das noch dazu irgendwo leistbar ist. Und dass die italienische Küche prinzipiell köstlich und in der Regel leistbar ist, sind ja Tatsachen. Waren also Jamie Oliver und Gennaro Cotaldo Wohltäter, die den kulinarisch verarmten Briten endlich Geschmack auf den Teller gezaubert haben? Ja, das wahrscheinlich irgendwie schon. Gleichzeitig muss man sich aber auch vor Augen halten, dass Gastronomen mit nichts mehr Gewinn machen können, als mit Pizza und Pasta, weil hier die Grundzutaten praktisch nichts kosten.

Britisches Lokal mit italienischem Essen aus Budapest

Jamie Oliver ist mehr als ein zweifelsohne toller Koch, er ist auch ein Unternehmer und als solcher geht es ihm darum, Geld zu machen. Natürlich geht es ihm auch um die Menschen. In seinem „Fifteen“ in London wurden nur arbeitslose Küche an Bord geholt und leisten dort Großes. Und als im letzten Jahr einige unwirtschaftlich gewordene „Jamie’s Italian“-Lokale schließen mussten, hat er keinen einzigen Mitarbeiter entlassen. Das ist ihm auch hoch anzurechnen. Aber dann geht es doch wieder ums Geld und so widmet sich Jamie jetzt wieder neuen Sendungen, Büchern und anderen Projekten und lässt andere sein Imperium vergrößern: Bereits seit einigen Jahren vergibt Herr Oliver Franchise-Lizenzen für seine Lokale. So sind die allermeisten „Jamie’s Italian“ außerhalb der britischen Inseln eigentlich gar nicht seine Restaurants, sondern laufen nur unter seinem Label. Bei der Wiener Location wird das nicht anders sein, ist der Lizenznehmer doch jener Betrieb, der bereits seit Jahren das idente Lokal in Budapest betreibt. Hier weiß man also bereits wie der Hase läuft. Herr Oliver wird wahrscheinlich nur durch ein paar Video-Grüße und Ähnlichem in Erscheinung treten. Auch zur Eröffnung möchte er nicht anreisen, um nicht den Eindruck zu erwecken, er würde jetzt öfter in Wien sein…

Über das Essen wir man nicht meckern können: Egal ob Pasta, Pizza, Salate, Steaks oder Dessert: Alle Rezepte werden tatsächlich gut sein, was natürlich daran liegt, dass sie auch wirklich von Jamie Oliver, Gennaro Cotaldo und deren Kernteam stammen. Und von diesen Personen sind auch sämtliche Zutaten und Arbeitsschritte fix vorgegeben. Es werden die Speisen ident so schmecken wie in Edinburgh, London oder Budapest. Das verspricht also wirklich höhere, berechenbare Qualität mit vielleicht sogar dem einen oder anderen Twist, aber ohne Spielraum für Interpretation. Systemgastronomie eben.

Wie viel Italien braucht die Wiener Restaurantszene eigentlich noch?
Zugegeben, als es ursprünglich geheißen hatte, dass Jamie Oliver nach Wien kommt, war ich wirklich interessiert. Und ich habe mich gefragt, welcher Ableger seiner Lokale denn nun kommen würde. Ein „Recipease“ mit integrierter Kochschule? Ein „Barbecoa“ mit sensationellen feuer-gegrillten Speisen? Ein „Diner“ mit tollem und gleichzeitig gesundem Fast Food? Nichts da. Es wird also „nur“ ein „Jamie’s Italian“ werden, was, wenn man die Wiener Szene kennt, vollkommen unnötig ist. Denn italienische Restaurants, sogar wirklich gute, gibt es hier wahrlich schon viele und somit kann selbst Jamie Oliver uns wohl kaum wirklich kulinarisch bereichern. Darf ich an das Trara erinnern, dass es kurz vor der Eröffnung von „Jamie’s Deli“ am Wiener Flughafen gab? Seit der Eröffnung vor einigen Monaten ist der Stand am Airport nur dadurch aufgefallen, dass sie Leute zwar gerne schauen kommen, welche Kreationen sich Herr Oliver denn für den Flughafen hat einfallen lassen, um dann draufzukommen, dass die Pizza hier so dermaßen teuer ist, dass man sich aus Kostengründen lieber von Do. & Co. etwas holt. Ähnliches wird sich auch demnächst am Stubentor abspielen, denn günstig wird das neue Lokal sicher nicht werden. So exotisch italienische Küche vielleicht in Glasgow sein mag, für uns gehört sie zum Standardprogramm. Insofern würde es mich echt überraschen, wenn sich „Jamie’s Italian“ bei den Einheimischen in Wien durchsetzen würde…

Jamie’s Italian
Dr. Karl-Lueger-Platz 5, 1010 Wien

Fotos (c) gettyimages.com

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