Adi Weiss
Ich liebe es in Italien in eine Bar zu gehen, mich an die Theke zu stellen und im Stehen ohne großes Brimborium eine Kleinigkeit... Jamie’s Italian – Ernüchterung zum 1. Geburtstag

Ich will jetzt nicht darauf herumreiten, dass ich es eh schon vorher gesagt habe. Aber ich habe es ja wirklich schon vorher gesagt. Die Filiale von Jamie’s Italian am Wiener Stubentor ist nun, ein Jahr nach der Eröffnung noch belangloser geworden, als sie es zum Start ohnehin schon gewesen ist.

Nicht, dass mich jetzt jemand falsch versteht, ich bin ein großer Fan von Jamie Oliver, und es war sicherlich einer der aufregendsten Momente des Jahres, ihn auch persönlich getroffen zu haben. Aber das Konzept der Filiale in Wien hat einfach keinen Sinn. Wie ich bereits lange vor der Eröffnung geschrieben habe, ist italienisches Essen bei uns ohnehin ein gelernter und gelebter Teil der Alltagskultur. Italien ist schon allein von der Entfernung her Wien sehr viel näher als London. Und den Wienern will und wird es niemals einleuchten, warum sie für einen Teller Pasta mit Fleischsauce oder für eine Pizza ca. 15 Euro zahlen sollten. Das Argument „weil es doch vom Jamie stammt“ zählt nicht, denn die ungarischen Franchise-Nehmer in Wien hatten mit dem britischen Koch nur sehr am Rande zu tun. Und die Köche in Wien erhalten die Rezeptvorgaben zwar vom Oliver’schen Imperium, scheitern aber massiv bei der Umsetzung.

Ein Blick in die neue Karte verrät sofort, dass die Pizzen auf gerade einmal eine Handvoll reduziert wurden. Bei einem aktuellen Besuch hatte ich die Gelegenheit selbige zu probieren. OK, die Pizzen sind tatsächlich in Ordnung. Aber „in Ordnung“ ist bei diesen Preisen wirklich nicht genug.

Man geht hier trotz allem mit der Zeit, und so wurde den Antipasti-Häppchen mehr Platz eingeräumt. Sogenannte „Parmesan Croquettes“ sollten offenbar eine Anlehnung auf apulische Panzerotti sein, entpuppten sich aber als kleine Pizza-Stangerl-Nockerl, die mit einem „Trüffel Dip“ gereicht werden. Gesamteindruck: Fad und teuer. Das „Ultimate Garlic Bread“ basiert auf einem Buttermilchteig mit viel zu viel Backtriebmittel und war ebenfalls fad und teuer. Besonders stolz in Sachen Häppchen ist man auf die „Crunchy Italian Nachos“, wie man sie in ganz Italien noch nie gesehen hat: Frittierte, gefüllte Ravioli auf Tomatensauce. Heiß, fad, staubtrocken und sehr teuer. Um die 8,90 Euro dafür bekommt man anderswo eine ganze Pizza oder einen vollen Teller Pasta.

Bleiben wir bei der Pasta: Der Speck der Carbonara hätte laut Karte goldbraun gebraten sein sollen. Das war er nicht. Und die Sauce der Carbonara war äußerst dünn und nahezu geschmacklos. Vielleicht hätte schlicht und einfach etwas mehr Salz geholfen. Aber was kann man sich für 13,50 Euro schon erwarten? Beim Würzen ist man hier generell sehr zurückhaltend, und das zieht sich durch alle Sparten. Dem „Seafood Risotto“ mit Safran und Knoblauch schmeckt man die beiden Zutaten praktisch nicht an, nur die darin befindlichen Garnelen waren eine aromatisch positive Überraschung. Die „Pumpkin Ravioli“ waren zwar ebenso eine nette Kreation, die dank zerbröselter Amaretti sogar einen schönen Biss hatten. Nur waren die Nudeln in meinem Fall komplett unterkocht. Was bin ich denn heute so überkritisch? Na hallo – bei einem Lokal über dessen Eingang „Jamie Oliver“ in leuchtenden Buchstaben geschrieben steht, darf man doch kritisch sein, auch wenn der gute Mann das Restaurant erst ein einziges Mal leibhaftig besucht hat …

Bei den Hauptspeisen probierten wir von den gegrillten Lammkoteletts auf Artischocken. Das Lamm selbst war gut und auf den Punkt noch ganz leicht rosa. Die zermatschten Artischocken daneben deuteten aber dank der intensiven Essignote auf eingelegte Ware hin. Nachdem die Artischocken-Saison (zumindest im Süden) noch voll im Gange ist, könnte man für die knapp 25 Euro, die diese Kreation kostet, eigentlich frische Ware erwarten. Die Beilagen kosten natürlich extra. Etwas günstiger sind da schon die geschmorten Schweinsbackerln, die auf anglo-italienisch „Pork Vignoble“ heißen. Nach acht Stunden Schmoren ist das Fleisch logischerweise butterzart, aber leider wurde auch hier so sträflich mit Salz gespart, dass es einem um die knapp 19 Euro auch gleich wieder leidtun könnte. Doch immerhin ist hier unterwürzter Gemüseeintopf dabei gewesen.

Bei den Miniversionen der „Jamie’s Italian Burger“ wurde aber fast alles richtiggemacht. Zwar war auch hier praktisch keine Spur von Salz im Fleisch zu spüren, doch wurde zumindest die Garstufe medium perfekt getroffen, und die eingelegten Balsamico-Zwiebeln waren eine schöne Abwechslung zum sonstigen Burger-Einheitsbrei. In der originalen, größeren Version schlägt sich dieser Burger mit 17,50 Euro zu Buche. Ohne Beilage, versteht sich.

Wenn man mich jetzt fragen würde, warum man denn eigentlich überhaupt zu Jamie’s Italian am Stubentor gehen sollte, dann würde mir nicht wahnsinnig viel einfallen. Das Personal ist sehr nett und hilfsbereit, das Lokal besonders schön und auch sehr gepflegt. Und außerdem ist die U-Bahn direkt vor der Tür. Essen gehen würde ich dort aber nicht. Nicht weil es furchtbar ist, das ist es ganz sicher nicht! Einige der Speisen sind sogar sehr OK, wenn auch meist lieblos gewürzt. Aber das Preisniveau ist für das Gebotene einfach nur aberwitzig. Und das ohne komisch zu sein. Zum gemütlich italienisch bzw. pseudo-italienisch Essen gehen gibt es unzählige andere Lokale in der Innenstadt. Viele davon sind besser. Und fast alle sind günstiger.

 

Jamie’s Italian Downtown Vienna
Dr.-Karl-Lueger-Platz 5, 1010 Wien
www.jamiesitalian.at

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