Adi Weiss
Seit der deutsche SWR2 seine „wolkenjagd“ zum „Buch der Woche“ gemacht hat, geht der junge Österreicher Philipp Hager auf Wolken. „Diese Existenzialprosa ist eine... Mit der Faust ins Blaue: Philipp Hagers Roman "wolkenjagd"

Seit der deutsche SWR2 seine „wolkenjagd“ zum „Buch der Woche“ gemacht hat, geht der junge Österreicher Philipp Hager auf Wolken. „Diese Existenzialprosa ist eine Entdeckung!“ So ein Lob hört man ohne Zweifel gerne. Auf Besten- oder gar Bestsellerlisten ist das bereits zehnte Buch des 1982 in Scheibbs (Niederösterreich) geborenen und in Wien lebenden Autors hierzulande jedoch nicht zu finden.

„Kurzlebiges Studium der Geschichte und Völkerkunde. Anschließend verschiedenste Jobs: Hundesitter, Telefonist, Türsteher, Kampfrichter, Rezeptionist, Bettler, Korrektor. Langjährig als Reporter und Kolumnist für ein führendes deutsches Kampfsportmagazin in ganz Europa unterwegs.“ Was Hagers Homepage an biografischen Etappen auflistet, hat zum Teil auch Eingang in sein neues Buch gefunden, das der Autor selbst „das jüngste Logbuch“ seiner „Entdeckungsfahrten über geglaubte Grenzen hinaus, ein Suchen nach unentdeckten Kontinenten“ nennt.

„wolkenjagd“ beginnt so flüchtig wie sein Titel. Der Ich-Erzähler erinnert sich an Momente seiner Kindheit und seiner Schulzeit. An den Großvater, der in seinem langen Arbeitsleben keinen einzigen Tag ausfiel, und an den Cousin, mit dem er eines Nachts in die leere Schule einstieg. Wohin das Ganze führen soll, ist lange nicht klar. Man erfährt bald von der Tragödie seines Vaters, der zu Hause nicht eingestehen konnte, die erhoffte gehobene Position in der Landesverwaltung doch nicht bekommen zu haben, und sich daraufhin (erfolglos) so umbringen wollte, dass die Familie immerhin die Lebensversicherung kassieren könne.

Ehe man sich’s versieht, wird man Zeuge einer spektakulären Verhaftung und eines Gefängnisaufenthaltes des Ich-Erzählers und kann sich keinen rechten Reim darauf machen. Auch der Protagonist ist aus der Bahn geworfen, erlebt traumatisch den Eingriff einer „absoluten Macht“ in sein Leben. „Von dieser Macht berührt zu werden, traf mich wie eine Offenbarung. Es verschaffte mir genug Albträume, um viele Jahre Schlaf damit zu füllen.“

Wieder ein Zeitsprung. Nach der Entlassung wird der Erzähler von einem Freund zu einem Kampfsporttraining mitgenommen und empfindet dabei ein Erweckungserlebnis, das ihn sprachlos macht: „Mit diesem ersten Training ist es wie mit allen wirklich tiefen körperlichen Erlebnissen. Sie lassen sich nicht in Worte fassen. Sie sind viel älter als Worte.“ Das ist natürlich genau das Gegenteil, nämlich große Worte, ausgerechnet von jemandem, der nicht um das rechte Wort verlegen sein sollte, um schwer Fassbares sprachlich doch in den Griff zu bekommen. Spätestens jetzt empfindet man die „wolkenjagd“ als literarisches Muskelspiel, bei dem es mehr aufs Posing denn auf den Punch ankommt.

So enthalten diese 120 Seiten viele Finten, manches gekonnte Antäuschen und Wegducken, aber keine Zielgerichtetheit. Hier wird viel getänzelt und meist nur in die Luft geschlagen. „Meine ganze Biografie entrollt sich als die Chronik einer Suche. Der Suche nach mir selbst. Aber auf die Frage, wieso ich mich eigentlich suchte, hätte ich keine Gründe nennen können.“ Für den Leser gibt es letztlich auch wenig Grund, den Protagonisten bei seiner Suche zu begleiten.

Nicht der Ich-Erzähler, sondern Autor Hager belegt seine Ansichten zur Literatur mit einem Zitat von Henry Miller: „Ich glaube, dass heute ein Buch mehr denn je gesucht sein sollte, wenn es auch nur eine einzige große Seite enthält: Wir müssen Bruchstücke, Splitter, Fußnägel zusammensuchen, alles, was kostbares Erz in sich birgt, alles, was Leib und Seele erneuern kann.“ Zugegeben: Die eine oder andere Seite, die man mit Gewinn liest, lässt sich in „wolkenjagd“ durchaus finden. Mehr innerer Zusammenhalt wäre dennoch nicht schlecht gewesen. Nur wenn sich die Wolken zusammenballen, kann sich das reinigende Gewitter entladen.

Von Wolfgang Huber-Lang/APA

INFO: Philipp Hager: „wolkenjagd“, Braumüller Verlag, 120 Seiten, 18 Euro; www.philipp-hager.com