Adi Weiss
Das neue „Nola“ in der Josefstadt ist ein Testballon. Wenn der Betrieb floriert, will die Levante-Gruppe dieses Lokal „in Serie“ gehen lassen. Nola – Italienisch für Fortgeschrittene

„Willkommen bei Il Tempo, dem besten Italiener der Stadt“, prangert es auf der Homepage der verbleibenden beiden „Il Tempo“-Lokale in der Wiener Innenstadt. Eigentlich süß, dass der angejahrte Italo-Ableger der österreichisch-türkischen Levante Gruppe noch so auf dicke Hose macht, denn wer die kleinen Lokale kennt weiß, dass das Essen hier zwar keineswegs schlecht, jedoch auch unbeschreiblich unspektakulär ist. Hätte es in den letzten Jahren nicht eine förmliche Explosion an qualitativ besseren italienischen oder scheinbar-italienischen Ausspeisungen gegeben, wäre die nette Mittelmäßigkeit der „Il Tempo“-Lokale wahrscheinlich kaum aufgefallen. Aber so wurde den Betreibern klar, dass etwas geschehen musste. Und diese Geschehnisse kommen jetzt mit dem Konzept „Nola – The Italian“ ins Laufen.

Das neue „Nola“ in der Josefstadt ist ein Testballon. Wenn der Betrieb floriert, will die Levante-Gruppe dieses Lokal „in Serie“ gehen lassen. Man sollte meinen, dass man beim Angebot daher eher auf Nummer sicher gehen würde, aber die Risikobereitschaft ist überraschend hoch. Das merkt man übrigens schon bei der Namensgebung … denn der kleine Ort Nola in der Nähe von Neapel nach dem das Lokal benannt wurde, hat nicht nur aufgrund seiner schönen Lage am Fuße des Vesuvs und seiner Kathedrale aus dem 16. Jahrhundert Bekanntheit erlangt, sondern auch weil die „ehrenwerte Gesellschaft“ hier seit 30 Jahren all das „entsorgt“ was sie loswerden möchte. Und das macht die Gegend nicht nur touristisch ein wenig unattraktiver, sondern auch die Böden weniger gefragt. Küchenchef Guliano Giacomo erzählt, dass er schon länger nicht mehr auf Tomaten aus der Gegend setzt, sondern jene aus Sizilien bevorzugt …
Guliano Giacomo hat übrigens das seltene Glück, bei der Gestaltung der Speisekarte freie Hand zu haben. Klar, das sonstige Konzept von Nola ist vorgegeben (gemütliche Atmosphäre, Kaffee an der Bar, Happy Hour mit kleinen günstigen Häppchen, Italo-Flair ohne Italo-Klischees), aber in der Küche kann er machen was ihm gefällt. Und so ist die Karte ein faszinierendes Sammelsurium aus bekannten und nötigen Klassikern, aber auch noch nötigeren Köstlichkeiten, die bisher in Wien praktisch unbekannt waren, sowie einigen Dingen, die ich respektvoll als Liebhaberei beschreiben würde. Aber alles der Reihe nach.
Zum Aperitif hatten wir einen Teller „Stuzzichini all Nola“, was hier nichts anderes ist als gefüllter, eingerollter, in Scheibchen geschnittener und dann gebackener Pizzateig. Klingt einfach – ist es auch – und dabei auch einfach köstlich und süchtig machend. Die mit Schinken und etwas Mozzarella gefüllten Häppchen „verschwanden“ recht schnell Stück für Stück, und wenn wir uns nicht am Riemen gerissen hätten, wäre der Teller auch sofort leer gewesen. Dafür käme ich sofort wieder. Andere Kleinigkeiten, die man zu seinem Getränk knabbern könnte wären: Panzerotti (kleine gefüllte Teigtaschen), Crostini, Foccacia oder auch Arancini, also panierte Bällchen aus Risotto-Reis. Diese probierten wir etwas später und auch sie waren einfach herrlich.
Die eigentliche erste Vorspeise waren dann aber „Sardine in Savor“, also marinierte Sardinenfilets mit Rosinen, Weißwein und Zwiebel. Was klingt wie eine geschmackliche Entgleisung, ist in Wahrheit ein fragiles Konstrukt aus dominanten Einzelgeschmäckern, die sich überraschend harmonisch vereinigen, um ein ganz neues Ganzes zu bilden. Gleichzeitig ist es natürlich eher weniger ein Gericht, dass ich vor einem Theaterbesuch essen würde, sollte ich vorhaben mich dann dort noch mit jemandem zu unterhalten. Aber ich gehe ja auch nicht ins Theater oder rede mit irgendwem. Insofern … für mich ein tolles Gericht!
Wer es bei den Vorspeisen dezenter mag, dem sei die „Caprese alla Nola“ ans Herz zu legen, marinierte sizilianische Tomaten auf Büffelmozzarella, Pinien-Pesto, Basilikum, Feigen und Rohschinken. Im Prinzip kann man bei diesem Klassiker nichts falsch machen, diese Version offenbart aber die Sorgfalt beim Einkauf der Zutaten, denn alleine die schöne Säure der Büffelmozzarella und die punktgenaue zarte Bitterkeit des dazu gereichten Olivenöls machen schon sehr viel Spaß im Mund.
Überraschend anders ist auch die Haus-Pasta. Es werden hier zwar alle Nudelsorten selber gemacht und auch alle Klassiker angeboten, besonders stolz ist man aber auf die „Pasta Nola“, bestehend aus Weißkohl, Pinienkernen, Rosinen und wildem Fenchel. Gerade Letzterer schaffet es wirklich, dem Gericht einen erfrischenden Stempel aufzudrücken. Erst nach dem Essen bin ich draufgekommen, dass auch dieses Gericht vegetarisch war. Tierisch wurde es erst bei unserem „Risotto al Pesto di Agrumi“. Dass hier reichlich frische Garnelen und Parmesan drinnen waren, war weder ungewöhnlich noch besonders, sondern vielmehr die Tatsache, dass der überdominante Geschmack von einem Orangen-Pesto herrührt. Die Orangen-Aromen geben den Garnelen einen vollkommen spannenden Frische- und Säurekick und werten das Risotto auf eine Weise auf, die zwar absolut logisch aber gleichzeitig komplett überraschend ist. Sowohl bei der Pasta Nola, als auch beim Risotto sollte man sich weintechnisch unbedingt beraten lassen, denn gerade bei diesen beiden Gerichten kann der Weißwein in Sachen Süße und Säure noch weitere Aromen-Areale aufgehen lassen.
Als nächstes stand eine Pizza an. Damit ich immer Äpfel mit Äpfeln vergleichen kann, ist es mittlerweile immer eine Pizza mit Büffelmozzarella, die ich in Lokalen probiere, also eine „Bufalina“. Der Büffelkäse selbst wurde schon beschrieben: er ist toll. Und auch bei den Tomaten, egal ob frisch oder aus der Dose lässt man sich im Nola nicht lumpen. Aber der Teig war leider etwas fad. Schlimmer noch, der Teig hatte nicht ausreichend Zeit gehabt, um zu rasten. Das kann übrigens jeder, der über eine Nase verfügt sehr leicht feststellen. Denn wenn der Teig einer fertigen Pizza immer noch stark nach Hefe riecht, dann war die Rastzeit zu kurz. Das Resultat war zwar ein gebackener, fester Pizzateig ohne Ecken und Kanten, was die Pizza leider trotzdem nicht zu einer runden Sache gemacht hat. Das ginge wahrscheinlich besser …
Zum Signature Dish des Nola entwickelt sich gerade die „Salsiccia alla Nola“, eine hausgemachte, gekochte Bratwurst mit marinierten Tomaten und Kohl. Diese Wurst hat nun nichts mehr von der feinen Balance der Aromen, hier gibt es eine herausragende Dominanz von reinem groben Schweinefleisch, Speck und Fenchel. Zwar wird die Wurst ähnlich elegant wie die übrigen Speisen garniert und serviert, ist aber geschmacklich mehr Holzhammer als Skalpell. Und das meine ich mit vollstem Respekt für beide Werkzeuge. Die Salsiccia ist die brutale Antithese zu den leichten Salaten, den Fischgerichten und Antipasti der Karte und hat auch ganz genau deshalb ihre unbedingte Berechtigung hier. Als gelernter Schweinewurst-Esser war ich besonders von der Textur und dem Aroma der gekochten Variante überrascht, weil ich ähnliche Würste eher nur gebraten kenne und mir deswegen auch die Röstaromen abgegangen sind. Aber das ist nur mein eigener Gedankengang. Wer jedoch weiß, dass er sich auf eine sehr deftige, gekochte Salsiccia mit viel Tiefgang einlässt, wird hier sicher seine Freude habe. Die richtige Getränkeauswahl ist hier ebenso wichtig wie beim nächsten Gericht.
Dieses letzte Hauptgericht von dem wir probierten waren die “Trippa alla Romana“ von der Tageskarte, also Kutteln in Tomatensauce mit Gnocchi. Auch wenn die Kutteln wirklich perfekt gewässert und gargekocht waren, wir hätten die Tatsache, dass sie sich bei uns am Tisch befunden haben vor den anderen Gästen des Lokals auf keinen Fall verheimlichen können. Denn die olfaktorischen Eigenschaften der gekochten Kutteln sind ein wenig gewöhnungsbedürftig. Wäre ich am Nebentisch gesessen und nebenan hätte jemand dieses Gericht gegessen, wäre es mir wahrscheinlich lieber gewesen, an besagtem Tisch würde man Zigaretten, Zigarren und Pfeifen gleichzeitig rauchen. Aber ich saß ja nicht am Nebentisch. Auch bei den Trippa sollte man unbedingt vorher wissen, worauf man sich einlässt. Aber dann wird man die Variante von Guliano Giacomo lieben, für ihn sind sie sogar das beste Gericht auf der Karte, und er erzählt auch stolz, dass Leute vom anderen Ende der Stadt anreisen, um sich die Kutteln portionsweise abzuholen …

Zum Abschluss hatten wir noch einen wunderbar einfachen und trotzdem köstlichen, innen flüssigen Schokoladenkuchen, waren aber für einen Grappa sehr viel dankbarer. Insgesamt geht das Konzept des Nola komplett auf, weil es neben den erwarteten Klassikern auch sehr vieles neu zu entdecken gibt. Wo bekommt man denn sonst in Wien sizilianischen Brotsalat, halboffene weiße Pizzen, und köstliche Kleinigkeiten zu Aperitif und Happy Hour? Eben. Ein zu großer Erfolg der Trippa könnte aber zum Bumerang werden, denn trotz des wunderbaren Geschmacks ist die Ausdünstung des Gerichts wirklich gewöhnungsbedürftig. Auf alle Fälle haben wir aber beim ersten Besuch genug bereits Gegessenes aber noch viel mehr Ungegessenes auf der Karte gefunden, um bald einen weiteren Besuch folgen zu lassen!

Nola – The Italian
Josefstädter Straße 16, 1080 Wien
www.nola.co.at

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