Adi Weiss
Schlagerstar Semino Rossi hat am Freitagabend mit seiner „Latino Tour“ Halt in Wien gemacht. Mit der bewusst kleiner gehalten Unplugged-Show konnte er die rund... Semino Rossis "Latino-Zug" machte Halt in Wien

Schlagerstar Semino Rossi hat am Freitagabend mit seiner „Latino Tour“ Halt in Wien gemacht. Mit der bewusst kleiner gehalten Unplugged-Show konnte er die rund 2.000 Besucher fassende Halle F der Stadthalle zwar nicht ganz ausverkaufen, doch sei das auch nicht unbedingt geplant gewesen: „Diese Tour ist mein Lebenstraum“, sagte er im Vorfeld.

Dass ihm die Show ein Anliegen war, war spürbar. Natürlich überforderte Rossi sein Publikum nicht mit südamerikanischen Geheimtipps, sondern setzte auf Gassenhauer wie „Guantanamera“ oder „Bamboleo“ – aber das tat der Argentinier mit einem derartigen Herzblut, dass man ihm seine Latino-Liebe wirklich abnahm. Gut drei Viertel der mehr als zweistündigen Show bestanden auch aus in Spanisch gesungenen Songs samt Tangoeinlagen. „Ich freue mich, dass ihr mich auf meiner Zugreise durch Lateinamerika begleitet“, dankte er dem Publikum.

Vorsichtshalber gab es aber auch eine Entwarnung: „Manche Leute glauben ja, ich mache nur mehr Latino-Musik und keinen Schlager mehr. Aber nein, nein“. So stimmte Rossi bei dem Auftritt ebenfalls seine berühmten „Hadern“ wie „Rot sind die Rosen“ an, wo dann auch die größte Stimmung aufkam. Zwischendurch erzählte er noch, dass er inzwischen Großvater geworden ist: „Leonardo muss aber Onkel zu mir sagen.“

Rossi nutzte den Abend auch, um seine Karriere Revue passieren zu lassen. Und dabei wurde auf beklemmende Weise deutlich, wie sehr sich der Zeitgeist bzw. die Umstände in den vergangenen 30 Jahren verändert haben. „Ich bin mit einem One-Way-Ticket nach Europa geflogen“, erzählte Rossi. Anstatt mit einem ebensolchen wieder zurückgeschickt zu werden, konnte sich der Argentinier mit seinen Latino-Songs jahrelang unbehelligt als Bar- und Straßenmusiker durchschlagen – bis ihm eben mit „Rot sind die Rosen“ der große Durchbruch gelang.

Auch die Show wirkte generell zeitentrückt – so als würde man zufällig eine Eurovisions-Sendung aus den 1980er-Jahren sehen: Ein durchwegs einheimisches Publikum jubelte einer Multi-Kulti-Gruppe mit Kubanern und Argentiniern zu. Andere Länder wurden zwar durch eine dicke Klischee-Brille – inklusive kollektivem „Ole“ bei einem Lied aus Spanien – betrachtet, aber das stets wohlwollend. Der Speiseplan fremder Kulturen war wesentlich interessanter, als welchen Platz ihre Bevölkerung in der heimischen Kriminalitätsstatistik einnimmt.

Als Rossi noch die Nummer „Amoi‘ segn ma uns wieder“ von seinem „guten Freund“ Andreas Gabalier auf Spanisch samt lateinamerikanischen Rhythmen spielte, hatte das sogar einen Hauch des so viel beschworenen Miteinanders. Für Rossi ist die Besinnung auf seine lateinamerikanischen Wurzeln freilich vor allem ein persönlicher Triumph: Er singt seine Latino-Lieder nicht mehr, weil er sich damit durchschlagen muss, sondern weil er es sich leisten kann.