Adi Weiss
Fabian Holzer testete das Sushi im Unkai im Grand Hotel Wien
Gastronaut Fabian J. Holzer testete das Sushi im Restaurant Unkai im noblen Grand Hotel Wien. Dort wird dem Billig-Sushi der Kampf angesagt. Unkai – Kampf dem Billig-Sushi!

Ich mag kulinarische Zeitreisen. Nicht dass ich jetzt ein besonders nostalgischer Mensch wäre, aber manchmal sehne ich mich zurück zu einem Zeitpunkt, zu dem alles einfacher und besser war. Pessimisten wie ich selbst einer bin, würden dem entgegnen, dass dies jetzt pure Sentimentalität ist und die Dinge in Wirklichkeit eh nie besser und einfacher waren. Und das stimmt in der Regel auch. Aber manche kulinarische Schlachtrösser bilden dann doch eine Ausnahme.

Wenn man früher, vor vielleicht 20 oder 25 Jahren, gesagt hat, man ginge ins Unkai essen, in den 7.Stock des Grand Hotels am Ring, dann wurde man oft insgeheim bewundert. Zum einen, weil man sich damals getraut hat, etwas so Neues und Exotisches wie Sushi zu konsumieren. Und zum anderen, weil Sushi als so etwas Edles galt, dass man sich erst einmal leisten können musste. Dazu kam auch noch der Nimbus des ehrwürdigen Grand Hotels, in das man sich als Normalsterblicher hineintrauen muss. Wer es aber bis auf die Höhe der Dächer der Stadt geschafft hatte, der erlebte schon damals so etwas wie die kulinarische Umsetzung der japanischen Botschaft: Bevor es das noch irgendwo anders gab, wurde hier Kaiseki, Teppanyaki und vor allem Sushi gelebt. Und hinter den Herden, Fisch-Schalen und Reistöpfen standen Männer, die ihre Aufgaben jahrelang und mühsam erlernt hatten. Warum das heute wieder betont werden muss, ist leider klar. Denn die Wiener Sushi-Kultur hat sich in den letzten 15 Jahren radikal geändert.

Wer heute in Wien an Sushi denkt, denkt leider nicht automatisch an Lokale wie das Unkai, sondern eher an DOTS, Mochi & Co., also Lokale, die auf der japanischen Tradition eher aufbauen als diese wirklich zu repräsentieren. Und das ist noch das wesentlich bessere Szenario! Im wahrscheinlicheren Fall denkt man an die unzähligen Sushi-Lokale, die einem zu aberwitzig niedrigen Preisen tranigen Lachs auf eiskaltem Reis servieren und das Ganze auch noch Sushi nennen. Viele kennen Sushi überhaupt nur von fragwürdigen All You Can Eat Bufetts. Und wenn, dann auch nur Lachs, Butterfisch und Thunfisch, wobei Letzterer ohnehin kaum mehr zu bekommen ist, weil guter Thunfisch zu teuer geworden ist. In Wien ist Sushi zur Alltagskost verkommen, und viele Menschen glauben tatsächlich, dass sie ihrer Gesundheit etwas Gutes tun, wenn sie sich ein Portion für 6 Euro mit nach Hause nehmen und nicht bemerken, dass ihre Plastikverpackung bereits am Heimweg in der U-Bahn seltsam zu riechen beginnt. Auch hier gab es immer schon jene Lokale, die sich keinem Trend in Richtung Experimental- oder Billig-Sushi ausgesetzt haben und tatsächlich der echten Tradition treugeblieben sind…

Schon beim  Betreten des Unkai wird schnell klar, dass sich hier seit meinem letzten Besuch vor geschätzten  fünf Jahren nicht viel verändert hat. Und das ist großartig. Denn ich hatte das Lokal als großartig in Erinnerung. Der Anlass für meinen erneuten Besuch, war das neue „Sushi After Work“. Das ist nichts anderes als die wiederaufkommende Idee, etwas im Rahmen von After Work mit einem Sushi-Brunch zu fusionieren. Konsequenterweise eben nur um 17 Uhr. Das Konzept sollte nicht mit einem All You Can Eat-Buffet verwechselt werden. Denn obwohl man sich hier zum Fixpreis von 33 Euro frei bedienen kann, wird jedes einzelne Stück Nigiri, wie diese speziellen Sushi eigentlich heißen, vor den Augen der Gäste zubereitet. Bevor wir auch nur einen einzigen Bissen probieren, unterhalten wir uns noch mit dem überraschend jungen stellvertretenden Restaurantleiter Genci Mislimi, dem ich gleich zu Beginn die gemeinste aller Frage stelle, die man einem Gastronomen stellen kann: „Warum sollte man eigentlich zu euch kommen?“ In der Regel beinhalten die Antworten lange Beschreibungen mit vielen Schlagworten wie Ambiente, Gemütlichkeit, Service und Ähnlichem. Mislimi schaute mich aber für eine Millisekunde so an, als hätte ich gerade etwas wirklich Dummes gefragt und meinte dann freundlich, aber bestimmt: „Wegen der Qualität natürlich“. Und das sagte er mit einer solchen Selbstsicherheit und Überzeugtheit, dass ich das jetzt auch einfach so geglaubt habe. Also auf zum Buffet!

Im Gegensatz zu den allermeisten Lokalen mit Selbstbedienung und Fixpreis, ist die Auswahl an Speisen beim Sushi After Work im Unkai recht übersichtlich. Auf einem kleinen Tisch vor dem Lokal sind unterschiedlich, bereits „vorgerollte“ Maki zu haben, die nicht schlecht aussehen, aber auf mich keinen besonderen Reiz ausgeübt haben. Viel spannender ist da die Theke mit den laufend frisch geschnittenen Fisch- und Meerestier-Filets. Hier sind mir meine Äuglein aufgegangen. Denn neben dem obligaten Lachs findet man auch so schöne Dinge wie Gelbflossenthunfisch, Oktopus, Tintenfisch oder Makrele, aber auch noch exotischere Sorten wie Hokki-Muschel, Sardine oder Kussfisch.    Gerade bei all dem, was vielleicht nicht so alltäglich ist, könnte man Bedenken haben, ob es einem in Sachen Konsistenz und Intensität tatsächlich schmecken würde. Aber da musste ich durch – ich war ja nicht zum Spaß hier! – und ließ mir Thunfisch, Lachs und Makrele geben. Sowie eine Rolle, die mit etwas gefüllt war, dass sich „Spicy Tuna“ nannte. Zurück am Platz probierte ich zuerst den Thunfisch. Ich habe wirklich schon sehr lange kein Stück Thunfisch Nigiri gegessen, bei dem der Fisch nicht nur sprichwörtlich auf der Zunge „zerflossen“ ist, sondern der auch noch zu 100% so geschmeckt hat, wie er sollte. Der Reis war herrlich handwarm und sogar das Blatt Nori-Alge, das alles zusammengehalten hat, mundete ausgezeichnet und war dabei vollkommen „bisslos“. Auch beim schnöden Lachs wurde mir bei der Unkai-Variante wieder klar, wie gut doch der sonst so fade Fisch schmecken könnte. Auch die Makrele war butterweich und natürlich einen Touch herber, aber keineswegs so tranig und „chewy“, wie sie einem woanders vorgesetzt wird. Lediglich das Röllchen mit dem Spicy Tuna war mir persönlich etwas zu „geil“, was wohl an der darin enthaltenen Mayonnaise lag.

Auch der zweite – und zugegeben dritte – Gang zum Büffet brachte nichts, was wir in Sachen Aromen, Konsistenz und Frische nicht geliebt hätten. Und wenn man sich schon einmal einen Ausflug hierher leistet, dann wäre es sicher nicht falsch, Sake dazu zu trinken. Dieser wird einem hier in allen erdenklichen Qualitätsstufen und Preisklassen angeboten, wobei das Team von Genci Mislimi gerne berät.

Insgesamt hatte ich hier das beste „normale“ Sushi seit sehr, sehr langer Zeit. Bei aller Liebe zu all den Experimental-Sushi-Lokalen und bei aller Verachtung für jene Ausspeisungen, in denen minderwertige Fischabfälle als Sushi verkauft werden: Ein Besuch im Unkai ist eine kulinarische Wohltat, und das Service ist immer noch große Schule. Auch wenn die 33 Euro für das Sushi After Work nicht wenig sind, so ist das immer noch sehr viel günstiger, als wenn man diese Köstlichkeiten „à la carte“ bestellen würde. Und überhaupt: Qualität hat immer ihren Preis. Dafür hat dieser Preis aber eben auch wirklich Qualität!

Unkai in Grand Hotel
Kärntner Ring 9, 1010 Wien
www.unkai.at

Mehr von Fabian J. Holzer: