Adi Weiss
Veggiezz
Gastronaut Fabian J. Holzer testete das Sushi im Restaurant Unkai im noblen Grand Hotel Wien. Dort wird dem Billig-Sushi der Kampf angesagt. Veggiezz – Fleischlos glücklich oder maßlos enttäuscht?

Bei rein veganen Lokalen bin ich ja schon von Haus aus etwas skeptisch. Nicht etwa, weil ich glaube, dass rein vegane Ernährung ungesund ist oder weil ich glaube, dass vegane Rezepte niemals so gut sein können wie jene mit tierischen Produkten. Also, natürlich bin ich von den letzten beiden Punkten fest überzeugt, aber das sind nicht die Gründe, warum mich rein vegane Restaurants skeptisch machen. Vielmehr ist es die Ignoranz vieler Veganer den Andersdenkenden gegenüber. Wenn bestehende „normale“ Lokale keinerlei Angebot für Vegetarier oder Veganer haben, ist der Aufschrei immer riesengroß. Man würde auf die Veganer keine Rücksicht nehmen, man fühle sich ausgegrenzt und diskriminiert. Aber rein vegane Lokale sind natürlich OK. Die Fleischfresser müssen ja nicht hingehen, keiner zwingt sie. Sagt man das umgekehrt zu einem Veganer ist ein Proteststurm programmiert. Soll das heißen, ich persönlich hätte den Eindruck, viele Veganer würden sich selbstgerecht für etwas Besseres, moralisch Höherstehendes halten? Ja.

Im neuen „Veggiezz“ im 9. Bezirk steht nicht nur rein vegane Kost auf der Karte, die Aussagen auf der Homepage des Lokals grenzen streckenweise an Größenwahn: das „Veggiezz“ beschreibt sich da als „erstklassiges Restaurant“ in „modern, stylish-trendiger Atmosphäre“ und „begründet eine neue Dimension von purer veganer Qualität und Fine Dining auf Hauben-Niveau und grenzt sich so von Fastfood und Durchschnittsangeboten ab“. Wer das geschrieben hat, hat sowohl ganz tief im Marketing-Phrasen-Lexikon nachgeschlagen, als auch ganz dicke Eier. Sorry, die sind nicht pur vegan. Natürlich gibt es veganes Fine Dining in Wien, aber nicht einmal das köstliche „Tian“ mit Küchengott Paul Ivic und all seinen Hauben würde jemals so dick auftragen. Meine Skepsis vor dem Besuch im neuen „Veggiezz“ habe ich jetzt also einmal begründet. Aber ist sie auch begründet?

Dass im „Veggiezz“ auch nur mit veganem Wasser gekocht wird, spürt man bereits beim Betreten des Lokals. Denn der als „Dining Room“ beschriebene Gastraum ist einfach nur ein Gastraum. Weder besonders modern, noch besonders stylish und auch nicht wahnsinnig trendig. Dafür aber funktional und freundlich. Und ebenso freundlich wird man hier vom Personal gegrüßt. Dass es dieses Lokal überhaupt gibt, ist der Verdienst von Betreiber Foad Sadeghi, der als Kampfsport-Trainer von einigen Kunden in die vegane Welt eingeführt wurde. Diese veganen Kunden haben erstaunlich viel Kraft und Ausdauer, schlafen besser und sind überhaupt viel ausgeglichener. Davon inspiriert hat er mit Zeljko Sekulic, der bereits das erste „Veggiezz“ im ersten Bezirk betreibt, dieses zweite Lokal in Angriff genommen. Wer die Speisekarte studiert, bemerkt sofort, dass hier besonders viel Wert auf den gesundheitlichen Aspekt der veganen Ernährung und den daraus entstehenden Wohlfühlfaktor gelegt wird. Insofern werden Zutaten wie Quinoa, Grünkern, Kichererbsen, Lupine usw. hier natürlich großgeschrieben. Gleichzeitig wird die Karte von Burgern, Wraps und Pasta dominiert, die ja nicht unbedingt die Aushängeschilder einer gesünderen Lebensweise sind. Aber dieser Aspekt ist mir weniger wichtig als der jeweilige Geschmack.

Mein erstes Gericht im „Veggiezz“ waren Penne „Arrabiata“. Diesen fehlte laut Speisekarte nicht nur ein „B“ (es heißt Arrabbiata), sondern auch der Käse. Veganer Parmesan funktioniert haptisch ähnlich wie „echter“ und sorgt auch für einen zusätzlichen Salzkick auf der Pasta. Der hätte zwar hier nicht geschadet, insgesamt waren die Penne aber sehr in Ordnung. Die Nudeln selbst waren aus Reis-Mais-Mehl. Gewöhnliche Hartweizengrieß-Nudeln wären zwar auch vegan gewesen, aber laut Foad Sadeghi sind seine Nudeln sehr viel bekömmlicher. Das stimmt vor allem für jene, die kein Gluten vertragen. Beim Gedanken, dass Veganer mit Gluten-Unverträglichkeit sonst tatsächlich die kulinarische Arschkarte gezogen hätten, kommen mir jetzt fast Tränen. Wie schön, dass sie im „Veggiezz“ eine gastronomische Heimat finden können. Glutenfrei gibt es hier auch Burger, ich habe mich aber für die Version mit Klebereiweiß entschieden.

Nachdem mir die Burger besonders ans Herz gelegt wurden, habe ich mich für einen veganen Cheeseburger entschieden. Bei allen Burgern wird einem wahlweise ein Patty aus Seitan, Grünkern oder Lupinen offeriert. Im meinem Fall war es Grünkern, wobei aber der Gesamt-Geschmack des Burgers weniger vom Patty, sondern viel mehr von der Komposition der anderen Inhalte bestimmt war. Der Biss war sehr in Ordnung und die Schichtung mit Gurken, Tomaten, Zwiebeln, Salat und veganem Cheddar auch gut gelungen. Das warme 100 Gramm Patty ging zwar nicht unter, aber mein Gaumen war der Meinung hier eher ein Sandwich zu essen und weniger einen Burger. Gut war er aber auf jeden Fall, wenn auch bei weitem nicht so gesund, wie es einem die Philosophie des Lokals weißmachen möchte. Denn das „Laberl“ war immer noch frittiert und der Burger wird mit Pommes Frites oder frittierten Süßkartoffeln serviert.
Und die sind sowohl Convenience, als auch in Fett herausgebacken. Geschmacklich wunderbar und ernährungstechnisch kein Beinbruch. Aber eben doch weit entfernt von „gesund“. Natürlich könnte man zum Burger auch Salat essen. Aber warum sollte man das tun?

Mein persönliches Highlight war das „Quinotto“. Diese Quinoa-Variante eines Risottos klingt zwar im ersten Moment nicht besonders sexy und kann nur dann wirklich köstlich werden, wenn der Koch sein Handwerk versteht. Denn schafft man es nicht, sein Quinoa auf den Punkt al dente zu servieren, fühlt es sich im Mund entweder wie Brei oder wie winzige Kieselsteine an. In meinem Fall wurde der Garpunkt des „Chinatown“- Quinotto mit Chili, Sojasauce, gegrillten Seitan-Streifen und viel Gemüse perfekt erwischt und die ganze Speise herrlich rund abgeschmeckt. Alleine schon wegen des Bisses macht es wahnsinnig viel Spaß diese Bowl zu essen, und nachdem hier tatsächlich nur gesunder Inhalt drinnen ist, hat man tatsächlich das Gefühl, sich mit jedem Löffel etwas Gutes zu tun.

Interessanterweise sind es auch gar nicht die Veganer, die schon jetzt ins „Veggiezz“ pilgern, sondern die „normalen“ Gäste. Foad Sadeghi schätzt, dass 80% seiner Gäste keine Veganer sind und sich einfach nur etwas besser ernähren wollen. Auf alle Fälle sind die Gerichte hier ein netter und einfacher Einstieg in die vegane Küche, und das Angebot umfasst von Kleinigkeiten über Salate, Pasta, Steaks, Burgern, Wraps, Süßspeisen und vielen glutenfreien Gerichten ein schönes Spektrum. Auch die Biere, Säfte und Weine sind hier vegan, wobei viele hier zum ersten Mal erfahren, wie viele tierische Produkte sogar im heimischen Wein stecken können. Das Service ist aufmerksam und flott, und die Speisen von denen ich gegessen habe, waren allesamt durchaus gelungen. Veganen Käse könnte man bei Pasta-Gerichten vielleicht automatisch dazustellen. Und bei den Pommes aller Arten könnte man sich vielleicht überlegen auf Convenience und den Fritter zu verzichten. Das sollte man aber nur dann machen, wenn man der eigenen Philosophie in Sachen Frische, Bio und Gesundheit entsprechen möchte. Das Quinotto war sensationell und für sich schon ein Grund wiederzukommen. Und auch sonst ist das neue „Veggiezz“ allen Veganern und auch allen anderen wirklich zu empfehlen. Nur das Homepage-Geschrei von wegen „Fine Dining auf Hauben-Niveau“ ist wirklich too much. Was das betrifft, sollte man die Kirche doch im Dorf lassen …

Veggiezz
Alserbachstraße 30, 1090 Wien
www.veggiezz.at

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