Adi Weiss
Dieser Standort hat wirklich schon viel erlebt: Ende des 19. Jahrhunderts war hier die größte Billardhalle Europas, später mehrere Gasthäuser und dann auch Watertuin – Ja, die lange Einleitung muss sein!

Ungefähr seit meinem 16. Lebensjahr vergleiche ich nicht mehr Birnen mit Melonen. Und damit meine ich in diesem Fall nichts Körperliches, sondern vielmehr die kulinarische Spielrichtung der „All you can eat“-Lokale, die unter Fans des Genres auch gerne mit „AYCE“ abgekürzt werden. Als ich mit 16 eine Zeit lang in Südkalifornien verbrachte, bestand meine Ernährung neben Fast Food, mexikanischem und philippinischem Essen auch immer wieder aus Gerichten, die man in AYCE-Lokalen bekommt. Daheim in Österreich gab es so etwas ja noch nicht, und ich war fasziniert, wie viel man um relativ wenig Geld essen konnte. Dass die meistens Besucher dort in der Regel auf der schwereren Seite des Lebens beheimatet waren, fiel mir damals nicht besonders auf. Was ich aber noch in bester Erinnerung habe ist, dass sich die Lokale normalerweise auf eine kulinarische Ethnie beschränkt haben. Also gab es chinesische Buffets, japanische, italienische und amerikanische. Und ja, mir ist klar, dass jetzt alle genannten schon für sich genommen höchst uneinheitlich sind. Tatsache ist aber, dass ich es in allen Kategorien erlebt habe, dass das Essen für einen überraschend geringen Preis tatsächlich phantastisch sein konnte, ganz egal, ob es sich bei den Lokalen um einzelne Restaurants oder um große Ketten gehandelt hat. Eine Massenabfertigung war es natürlich immer, aber so durchdacht, dass es funktioniert hat. Kaum etwas, dass nicht mehr gedampft hätte oder unappetitlich gewesen wäre. Dass die Gerichte quasi nie mit frischen einzelnen Gerichten „normaler“ Restaurants oder gar der Spitzengastronomie mithalten konnten, versteht sich von selbst. Aber das ist auch nicht deren Anspruch …

Echte AYCE-Restaurants gibt es in Österreich erst seit vielleicht 15 Jahren, davor waren es vor allem chinesische Lokale, die durch mehr oder weniger beeindruckende Mittags- oder Abendbuffets ihr a la carte-Angebot aufwerten wollten. Es folgte einige Japaner, ein paar Braulokale, und das war es schon. Ganz auf das schier endlose Essvergnügen haben sich dann vor allem in Wien Lokalitäten wie Bamboo oder Ebi spezialisiert, die dann aber nicht mehr auf eine kulinarische Herkunft, sondern einen panasiatischen Mix aus China, Japan, Korea, Thailand, Indonesien und so weiter angeboten haben. Im Normalfall haben diese Lokale ordentliches Sushi, sehr passable frische Speisen und bestenfalls durchschnittliche fertige Gerichte. Abgesehen davon, dass es sich tatsächlich auszahlt bei einer Sushi-Manie hinzugehen, sind die AYCE-Lokale selten ein Anlass, die Freunde zusammenzutrommeln, um hier gemeinsam kulinarisch glücklich rauszurollen. Also rausrollen ja, aber selten glücklich …

Nun endlich zum „Watertuin“…

Ich muss ehrlich zugeben, dass ich beim Betreten des „Watertuin“ in Kaiserebersdorf am äußersten südwestlichen Stadtrand Wiens wirklich beeindruckt war. Denn die puren Ausmaße des Lokals sind überwältigend. „So muss man sich beim Betreten der Titanic gefühlt haben“, denke ich mir da noch und das ohne diesen Gedanken noch einen Schritt weiterzuführen. Auf alle Fälle fällt es fast schon schwer das Ende des gigantischen Raumes zu sehen, der in Sachen Dimension nicht nur zufällig an die eines Baumarktes erinnert. Bis zu 1000 Menschen können hier zukünftig im Vollbetrieb verköstigt werden, auch wenn die Betreiber zugeben, dass das bisher noch nicht der Fall war. Als Franchise-Nehmer verlässt man sich hier zu einem guten Teil auf die Erfahrungen der niederländischen Kette an AYCE-and-drink-Restaurants, die in Holland schon seit Längerem floriert. Das Konzept ist einfach: In einem genormten Design gibt es allerlei asiatische, italienische und auch lokale Speisen. Dazu kommen Wok- und Grillgerichte, die zum einen fertig sind und zum anderen frisch zubereitet werden. Soll heißen, es gibt hier Pizza, Schnitzel und Frühlingsrollen. „Ein typischer Chinese also“, meinte ein Kollege, dem ich im Vorfeld von dem Konzept erzählt habe. Die Getränke (Softdrinks, Wasser, Bier, Wein, Kaffee) holt man sich selber, wobei ich gleich betonen muss, dass das Gösser aus dem riesigen Stahltank köstlich und der selbst zu zapfende Rotwein überraschend gut sind.

Und wenn ich schon dabei bin, etwas gut zu finden, sei auch gesagt, dass sämtliche Sorten frischgedämpfte Dim Sums entsprechend ansprechend waren, obwohl ich stark vermute, dass es sich hierbei um Tiefkühlware handelt. In Sachen Saucen zu den Dim Sums dürfte es zwar etwas mehr sein als süße und scharfe Chilisauce, aber insgesamt überzeugen die Dim Sums. Bei den Wok-Gerichten kann man sich wie bei vielen Teppanyaki-Lokalen die Rohzutaten selbst zusammenstellen, und diese werden dann in der „Show-Küche“ frisch im Wok gegart. Zumindest im Prinzip. Denn bei unseren bedauernswerten Rindfleischstreifen war es so, dass diese nicht sofort mit dem Gemüse in einen heißen Wok kamen, sondern zuerst wurde alles in kochendem Wasser vorgegart. Dass daraus irgendwann einmal eine köstliche Suppe entstehen könnte, mag zwar sein, aber in Sachen Röstaromen war diese Wok-Speise es eine glatte Niederlage. Ansonsten erlebt man hier eine gut geölte Wok-Station. Nur sollte man dem Koch vielleicht von der Existenz von Salz und Pfeffer berichten, auch dann wenn der Gast die Zutaten selbst wählt …

Das „Watertuin“ rühmt sich damit, auch „Gourmet“-Gerichte wie überbackenen Hummer und T-Bone Steaks zu offerieren, jeweils aber nur einmal pro Person. Das T-Bone, der kleine Bruder des Porterhouse, ist so ziemlich in jedem Fleischtempel der Welt zu finden. Im „Watertuin“ tat ich mir damit aber ein wenig schwer. Denn international trägt dieses Steak erst ab einer Dicke von einem Inch (also 2,54 cm) diese Bezeichnung. Alles Dünnere sind Steakscheiben oder Minutensteaks – echte Fleischtiger behaupten sogar: Alles unter 3 cm ist Carpaccio! Mir ist schon klar, dass man bei einem Komplettpreis von 23 Euro für 60 Minuten – bzw. 28 Euro für 90 oder 31 Euro für 120 Minuten – keine großen 4 cm Steaks erwarten kann, aber eine Fleisch-Dicke von etwa 1 cm ist sowohl für den Gast, als auch für den Koch unbefriedigend. Denn wie sollte er hier die richtige Garstufe erzielen können? Aber egal, ich stelle mich dem Ganzen und bitte den netten Herrn vom Grill, mir doch bitte das Steak „medium rare“ zu braten. Er gibt sich richtig Mühe, lässt sich auch viel Zeit und achtet penibel darauf, mir ein schönes Grillmuster auf das Fleisch zu zaubern. Das gelingt ihm auch. Ich denke mir zwar nach einer Weile, dass der Zug Richtung „medium rare“ längst auf „well done“ zusteuern müsste, sage aber kein Wort. Nach einer halben Ewigkeit schaut mich der nette Herr an, lächelt freundlich und fragt: „medium well, richtig?“ Ich verneine, der nette Herr ärgert sich und will mir schon ein neues Steak machen. Denn wir wollen doch bitte kein Essen verkommen lassen. Ich nehme also das Steak, wandere zu meinem Platz und koste. Das Fleisch wäre eigentlich sogar ganz gut gewesen, aber die dünne Dicke lässt leider keinen Spielraum für Fehler. Das Resultat war damit leider viel zu trocken. Würde man statt T-Bone ganz einfach Ribeye verwenden, wäre das Fleisch günstiger, würde aber mehr Dicke zulassen und somit auch saftige Steaks ermöglichen…

Nun zum Sushi: Garstufen-Probleme gab es hier keine 😉 Der Fisch der Lachs-Sushis war butterweich. Auch beim Lachs-Sashimi war der Fisch sehr in Ordnung. Das gleiche gilt für das Lachs-Tartar und wenig überraschend war der Fisch bei den Lachs-Makis durchaus nicht schlecht. Nur die Varietät bei den vielen möglichen Fischsorten war ein wenig mager. Ansonsten gibt es zwar auch Tempura-Maki und andere Sorten mit Gemüse, aber die eindimensionale Fischauswahl ist in der Sushi-Abteilung leider etwas unbefriedigend.

Mehr Fischauswahl gibt es dafür in der Grillabteilung. Die kleinen Wolfsbarschs-Filets sehen appetitlich aus, die Garnelen laden mit Händen und vor allem Füßen zum Essen ein, der Kabeljau leuchtet schön weiß, die Jakobsmuscheln leuchten einen förmlich an und mit dem Lachs gibt es auch hier ein Wiedersehen. Nachdem ich schon so lange nichts mit Lachs gegessen hatte, bat ich einen anderen netten Herrn hinterm Grill – dem reinen Fischgrill natürlich – mir doch ein Lachsfilet, ein Branzino-Filet und zwei Jakobsmuscheln zuzubereiten. Meine Bitte, den Fisch doch schon beim Grillen mit Zitronensaft zu beträufeln wird ignoriert. Am Ende darf ich mich bei Zitronenscheiben und Knoblauch selbst bedienen. Beim Kosten nach der Wanderung darf ich einmal mehr feststellen, wie viel das Salzen zum Gelingen einer Speise beitragen könnte. Denn während des Grillvorgangs wurde mein Fischteller in spe überhaupt nicht gesalzen, was aber natürlich nötig gewesen wäre. Nachher bringt es nur bedingt etwas. Aber immerhin kann ich jetzt sagen, dass sowohl der Lachs, als auch der Wolfbarsch von toller Qualität waren und die Jakobsmuscheln am Grill geschmacklich eher schon von uns gegangen sind.

So, nun noch kurz zu einigen der fertigen Speisen: Der gebackene Camembert benötigte etwa 45 Sekunden in meinem Mund, um als solcher erkannt zu werden, der Kümmelbraten hatte die Textur einer Wurstsemmel in Alufolie nach einer 8-stündigen Autofahrt und das Schnitzel war auch nur bei sehr gutem Licht als solches zu identifizieren. Was soll das heißen, ich bin gerade böse zum „Watertuin“??? Nein, das bin ich nicht! Ich bin eigentlich sogar ziemlich nett und erwähne jetzt auch nur ganz am Rande, dass das Rindsgulasch dort keinerlei Ähnlichkeit mit dem gleichnamigen Gericht aus unseren Breiten hat und dass es beim dazu gereichten Semmelknödel das allererste Mal überhaupt war, dass ich bei einem Lokaltest etwas nicht im Mund behalten konnte und eine Papier-Serviette den Bissen „schlucken“ musste … Das lag daran, dass dieser fast nur aus ungekochtem Mehl und einer undefinierbaren, aufgeweichten Masse bestand, die von einer ledrigen „Warmhaltelampen-Haut“ umhüllt war. Essen sie doch einmal einen Löffel Mehl und dazu ein Stück Leder! Und warum genau muss ich mich jetzt eigentlich rechtfertigen?

Es geht ja hier auch nicht nur ums reine Essen, manche Aktivitäten haben durchaus Unterhaltungsfaktor. So kann man sich bei einer weiteren Grillstation individuelle Burger zusammenbauen lassen. Diese werden mit den vermutlich winzigsten Fleisch-Patties von ganz Wien bestückt und schmecken keinen Deut besser als ein gewöhnlicher Burger aus einer Systemgastronomie-Filiale. Da wäre dann auch noch die Pizza-Station, bei der man sich vorgebackene nackte Pizza-Segmente selbst belegen und in eine „Überback-Straße“ schieben kann. Das ist zwar vollkommen faszinierend zu beobachten, schmeckt aber nicht besser als Tiefkühlpizza.

Ich hätte noch so viel mehr kosten können, aber ich denke, das bisher Gegessene hat gereicht, um mir ein finales Bild machen können. Das gigantische „Watertuin“ hat viele schöne Ansätze, die dann von der eigenen Durchführung erschlagen werden. An den Grillstationen sollte es anderes Fleisch geben und die Köche – sofern es tatsächlich welche sind – sollten lernen mit ihren Gerätschaften und Zutaten besser umzugehen. Letzteres gilt auch für den Fischgrill, denn es ist schade um die gute Qualität des Fisches. Und wenn man schon so guten Fisch hat, warum gab es dann bei der Sushi-Station nur Lachs? Alleine schon der Wolfsbarsch, den man ja im Haus hat, könnte hier ganze Horizonte aufmachen. Welche Speisen lassen sich einfach und trotzdem köstlich in großen Mengen vorbereiten als Gulasch und Braten? Es gibt also keine Entschuldigung dafür, warum diese Gerichte so geschmacklos und vertrocknet ausfallen müssen. Und sogar für Gebackenes gibt es mittlerweile handelsübliche Vorrichtungen, um diese auch für viele Menschen länger am Leben zu halten. Wie toll „All you can eat & drink“ funktionieren kann, beweisen die Trofea-Lokale in Budapest, auch wenn diese – zugegeben – um einiges kleiner sind, als das Wiener „Watertuin“. Und so kam mir beim Verlassen des Lokals wieder die Titanic in den Sinn. Ich hoffe für die Betreiber des Simmeringer „Watertuin“ mit ihrem gigantischen und wirklich schönen Lokal, dem netten Personal und vielen tollen Zutaten, dass sie bei der Umsetzung zukünftig noch einiges weiter nach oben schrauben können! Einige Inputs habe ich ja auch gegeben. Dann könnte dieser Ozeandampfer von einem Lokal, dem Eisberg noch locker ausweichen …

 

Watertuin
Etrichstraße 22, 111 Wien
www.watertuin.at

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