Adi Weiss
Ja. Es geht. Es funktioniert tatsächlich, am Donaukanal zu sitzen und nach einer gewissen Zeit das Vorbeidröhnen der Autos auf beiden Seiten der Lände... Weinhaus Pfandler – Auf nach Meidling!

Als geborener Döblinger nach Meidling zum Heurigen zu fahren ist ähnlich absurd, wie als gelernter Österreicher nach Frankreich zu reisen, um dort Ski zu fahren. Aber nachdem das „Weinhaus Pfandler – Zum seligen Affen“ ja per eigener Definition weder ein Heuriger noch eine Buschenschank ist, sondern eben ein klassisches Weinhaus, habe ich es nicht so streng genommen. Die Besonderheit des Lokals ist zunächst, dass es äußerst selten vorkommt, dass ein einmal geschlossenes Urwiener Lokal zu- und dann nach Jahren wieder aufsperrt. Acht Jahre lang lag das ehemalige „Weinhaus Pitzl“ nahe des Meidlinger Bahnhofs im Dornröschenschlaf. Dessen Inventar wurde nicht verkauft oder gar entsorgt, sondern blieb wie die Mücke im Bernstein unberührt erhalten. Okay, es waren „nur“ acht Jahre, aber auch der Vorbesitzer hatte eine Atmosphäre konserviert, die an die frühen 1970er Jahre erinnert.

Der neue Betreiber, Roman Pfandler, wollte bei seiner Neuübernahme das Rad erst gar nicht neu erfinden, vielmehr wollte er den Charme einer längst vergangenen Zeit wiederauferstehen lassen und vor allem mit Qualität punkten. Logisch, das wollen die meisten Gastronomen, aber – ohne jetzt vielen Lokalbetreibern auf die Füße steigen zu wollen – kulinarische Höhenflüge sind in der Meidlinger Gastronomie wahrscheinlich eher dünn angesiedelt. Richtig gekocht darf in dem wiederbelebten Weinhaus allerdings nicht werden, die Betriebsanlagengenehmigung gestattet das noch nicht. Überbackenes, Aufgewärmtes und natürlich kalte Gerichte sind aber zulässig. In Sachen Qualität kann Roman Pfandler hier also in erster Linie mit den Grundzutaten punkten, also mit Schinken, Würsten, Käse und Co. Das Gebäck kommt aus dem Waldviertel, das Brot vom Grimm und die Aufstriche sind allesamt selbstgemacht. Das alles klingt jetzt vielleicht eher „basic“, doch ist es nicht so, dass man als „Foodie“ eigentlich wenig so sehr liebt, wie zum Beispiel in Italien, Frankreich oder Spanien in einer Weinbar zu sitzen und dabei erlesene Schinken und Käse zu essen? Und genau so sollte man einen Besuch beim Pfandler auch angehen und nicht mit dem Gedanken, dass man hier – wie in so vielen tatsächlichen Buschenschänken – einfach nur lieblos zusammengestellte Aufschnitt-Platten bekommen würde.

Bei unserem Besuch starteten wir mit den selbstgemachten Aufstrichen, wobei der Brimsen-Liptauer sehr gut, aber einen Hauch zu Paprika-lastig war, während der Frühlingsaufstrich und der Erdäpflkas beide traumhaft waren. Ein Steckenpferd im Weinhaus Pfandler sind auch die sauer marinierten Teller. Die sauren Knacker mit rotem Zwiebel waren ein Gedicht. Mein Vater hat „saure Wurst“ geliebt, aber ich hatte das in meiner Kindheit als grausliches Nachkriegsessen empfunden. Ja, ich war dumm und habe diese Köstlichkeit immer mindergeschätzt. Trottel ich. Überraschend – weil mir in dieser Form komplett unbekannt – war die Sauerwurst-Variante mit Blunzen, die natürlich süßlich-fleischlich ausfällt, was in Kombination mit dem Essig und dem roten Zwiebel besonders spannend war. Mir ebenso unbekannt ist dann auch noch das sauer marinierte Ei gewesen, das weit mehr ist, als nur ein Zugeständnis an die Vegetarier.

Für Vegetarier gibt es neben den Aufstrichen eine überaus große Auswahl an Käse, die weit über das hinausgeht, was selbst bei gut sortierten Heurigen angeboten wird und wo normalerweise Emmentaler und Brie schon das höchste der Gefühle sind. Von Vorarlberger Bergkäse bis hin zu Prachtstücken aus einer kleinen Pielachtaler Käserei gibt es alles was das Käse-Herz begehrt.

 

Die einzige warme Speise, die wir hatten, war die Kombination aus zwei schon bekannten Zutaten. Konkret: ein mit Bergkäse überbackenes Blunzenbrot. Ich wäre zwar nie auf diese Kombination gekommen, aber sie funktioniert erstaunlich gut. Roman Pfandler meint, dass es in Zukunft auch Dinge wie Gulasch und Würstel geben wird, denn aufwärmen darf man ja hier. Sollte dieses Gulasch dann ähnlich liebevoll aufgesetzt sein, wie die Auswahl an Wurst und Käse von ausgesuchten, kleinen Produzenten, wird man dem Pfandler spätestens dann die Bude einrennen.

Getränketechnisch fasse ich mich kurz, denn die Auswahl übersteigt jene eines gewöhnlichen Weinhauses bei Weitem: Von kleinen unbekannten Weinhauern bis hin zu mehreren namhaften Winzern ist hier praktisch jedes Segment vertreten, wobei die Preise ziemlich vernünftig bleiben.

Insgesamt war das „Weinhaus Pfandler – Zum Seligen Affen“ tatsächlich die Anreise wert, denn das Essen ist köstlich, der Wein toll und preislich gibt es nichts zu meckern. Und falls jemand noch mehr Ansporn braucht, dann kann man einen Trip hierher auch gleich mit einem Besuch im Wiener Schnapsmuseum und einem der besten Craft Beer Stores der Stadt verbinden, denn beide liegen sprichwörtlich „ums Eck“. Prost!

 

Weinhaus Pfandler – Zum seligen Affen
Dörfelstraße 3a, 1120 Wien
www.weinhaus-pfandler.at

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