Adi Weiss
Zur Flotten Charlotte – Jetzt geht’s um die Wurst!

Dass die Entstehung eines neuen Lokals Ähnlichkeiten mit UFO-Sichtungen hat ist zwar eher selten, aber es kommt vor. Denn in den letzten Jahren tauchten am laufenden Band Geschichten darüber auf, dass Andi Flatscher jetzt endlich ganz kurz davor stünde nach seinem Fleischtempel „Flatschers“ und seinem „Bistrot“ auch sein drittes Lokal „Zur Flotten Charlotte“ zu eröffnen. Was die Flotte Charlotte sein sollte, war von Anfang an klar: Wien trifft Berlin. Also Currywurst, Pommes, Sprudel und Bier.
Die tatsächliche Eröffnung des Lokals verschob sich aber fast noch öfter als die geplante Fertigstellung des neuen Berliner Flughafens. Der Grund dafür, waren ständig neue behördliche Auflagen. Ob diese immer noch so streng gewesen wären, wenn Andi Flatscher nicht auch der erfolgreiche Herr Flatscher gewesen wäre, darüber kann man nur spekulieren. Wien ist eben eine Neid-Gesellschaft. Die Zeit hat sich der Hausherr mutmaßlich damit vertrieben, einen eigenen Gin mit Namen „Wake Holder“ zu entwickeln, der sich durch eine betörend dezente Wacholder-Note und einem sensationellen Touch von reifen Pfirsichen und Marillen auszeichnet. Das wollten wir nur am Rande erwähnt haben …
Nach all den Wartereien und einem kleinen Vermögen, das investiert wurde, konnte die „Flotte Charlotte“ jetzt nun tatsächlich eröffnet werden.
Das Konzept hinter dem Lokal ist gleich geblieben: es dominieren Currywurst und Pommes. Jedoch wurde die norddeutsche Wurst-Idee etwas erweitert und somit stehen jetzt auch einige heimische Brät-Klassiker auf der Karte. In Sachen Atmosphäre soll das 22-plätzige Lokal gleichzeitig heimelig und schnelllebig sein. Und frech. So betont Andi Flatscher laufend und spitzbübisch grinsend, dass Vegetarier hier wenig Freude haben werden, dass es kein WLAN gibt und dass man sich Leitungswasser gegen eine Spende an der Bassena vor dem Klo selbst holen kann. Und die schmalen Sitzbänke in dem kleinen Innenraum sind leicht schräg, was auch nicht gerade zu einem längeren Verweilen einlädt. Dazu kommen eine statische Homepage, keine Facebook-Seite und keine Reservierungsmöglichkeit. Habe ich schon erwähnt, dass es sich um ein Raucherlokal handelt, in dem so viel gepofelt wird, als würde man Tabak morgen komplett verbieten? Eigentlich wären das jetzt alles Gründe, deretwegen die zahlreichen ortsansässigen Hipster und Bobos das Lokal meiden könnten. Das werden sie aber nicht tun. Denn auch die Hipster und Bobos werden wissen wollen, wie gut ein neues Lokal sein muss, wenn es sich leisten kann, sich selbst mit so provokanten Statements zu bewerben.
Als erstes probierten wir natürlich von der Currywurst. Diese hat nach Ostberliner Sitte eine Haut aus Naturdarm, und das ist auch gut so. Denn richtig gebraten – und das war sie – wird die Haut knusprig. Die Wurst selbst war so gut, dass sie auch von „Konnopkes“ Imbiss oder „Fritz & Co.“ in Berlin hätte sein können. Dazu gab es das Sößchen „Berlin“, das besonders scharf gewesen sein soll. Ich weiß, ich konnte früher sehr scharf essen und habe immer noch eine hohe Scoville-Toleranz. Aber „sehr scharf“ war das jetzt wirklich nicht, jedoch besonders wohlschmeckend. Auch die frischen Zwiebelringe haben das ihre zum Gesamteindruck beigetragen. Die Pommes Frites – natürlich mit Ketchup UND Mayonnaise – waren noch eine Spur knuspriger als in Flatschers anderen Lokalen, was herrlich zur Wurst passt. Zur Portion um 6,50 € gehört auch noch ein kleines Weckerl, das natürlich als „Schrippe“ bezeichnet wird. Dieses habe ich nur deswegen nicht gekostet, weil man eine Wurst meiner Meinung nach entweder mit Pommes Frites oder Weißbrot isst. Aber nicht mit beidem … Zur Wurst hatten wir ein Hamburger „Astra“. Es mag zwar politisch unkorrekt sein zur Ostberliner Wurst ein Hamburger Bier zu trinken, aber uns war das egal.
Eine unerwartete Spezialität in der „Flotten Charlotte“ ist der Bosna. Dieser Salzburger Hotdog-Cousin lebt in der Regel von seiner Kombination aus getoastetem Brot, zwei kleinen Schweinsbratwürsten, Petersil, Senf und einer kussfeindlichen Menge roher Zwiebel. Die Variante hier könnte fast als Original beim Salzburger „Balkan Grill“ durchgehen, nur war mir das Brot dafür – bitte nicht lachen! – zu gut. Schmäh ohne, das leicht flaumige und trotzdem resche Brot, das hier verwendet wird, ist um einiges hochwertiger als jene Exemplare, die man zur Katerprävention spätnachts in Salzburg bekommt. Vielleicht würde es funktionieren, hier tatsächlich das Brot vom Vortag zu verwenden…
Ein weiteres Highlight war die pikante Käsekrainer. Während die steirische Nationalwurst an Wiener Würstelständen sonst geschmacklich davon lebt, dass sie gebraten wird, aufplatzt und der Käse eine Kruste bildet, steht in der Charlotte tatsächlich die Wurst im Vordergrund. Das Brät ist wortwörtlich überaus fein, mit pikanten Paprikastückchen und logischerweise dem Käse durchzogen. Die Haut ist an einigen Stellen überstark gebrutzelt, was ebenso für schönen Biss sorgt. Getrunken haben wir eine kleine, stark gehopfte Flasche „Flensburger“ dazu. Eine himmlische Kombination!
Den Leberkäse gibt es aktuell scheibenweise in einer Semmel und demnächst auch aufgeschnitten. Und auch Buletten – nicht zu verwechseln mit handelsüblichen Fleischlaberln wie beim Heurigen – stehen auf der Karte. Und irgendwie würde ich jetzt sowohl über den Leberkäse, als auch über die Buletten exakt dasselbe sagen: sauber, gut, sattmachend, nichts auszusetzen. Und wenn alles andere bereits aus wäre, würde ich mich über beides freuen wie ein Schneekönig. Nur im Vergleich zu den Würsten verblassen der Leberkäse und die Buletten ein wenig. Zu erwähnen sind auch die Grillhühner, die oberhalb der Würste herrlich duftend ihre Runden drehen. Wäre noch Platz im Magen gewesen, hätten wir sicher davon probiert … aber gerochen und ausgesehen haben sie großartig.
Insgesamt hat sich die Warterei ausgezahlt. „Zur Flotten Charlotte“ ist ein augenblicklicher Hit geworden. Die Stimmung wechselt laufend zwischen Indoor-Würstelstand und Kneipe hin und her, was auch daran liegt, dass je nach Auslastung das Essen serviert wird oder vom „Tresen“ geholt werden muss. Und dort geht es genauso wie beim Würstelstand sehr ungezwungen zu. Man kann hier ins Gespräch kommen, ohne sich belästigt zu fühlen. Die Bierauswahl aus der Flasche ist groß und wer lieber vom Fass trinkt, wird mit Murauer bestens versorgt. Die Preise sind allesamt alltagstauglich, es sei denn, man trinkt Champagner, den es hier natürlich auch gibt.
Sollte es jetzt auch noch ein etwas schärferes Sößchen zur Currywurst für mich geben, werde ich Stammgast!

Zur flotten Charlotte
Kaiserstrasse 121
7. Bezirk, Wien
www.zurflottencharlotte.at