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Ich bin ein Chanel Mädchen – Die neue an der Spitze

Sie war mehr als 30 Jahre lang die rechte und linke Hand von Modezar Karl Lagerfeld. Jetzt tritt Virginie Viard seine Nachfolge bei Chanel an und übernimmt die kreative  Leitung des Traditionshauses. Wir stellen Ihnen die talentierte Französin vor.

Karl Lagerfeld nannte Virginie Viard seine rechte und seine linke Hand. „Virginie ist die wichtigste Person, nicht nur für mich, sondern auch für das Studio, für alles. Unsere Beziehung ist wesentlich, gestärkt durch echte Freundschaft und Zuneigung,” sagte der Modezar in einem Netflix-Dokumentarfilm. Virginie Viard (57) steht nicht gern im Mittelpunkt. Das Rampenlicht überließ sie dem Genius, dessen Arbeit sie stets bewunderte. Sie selbst bezeichnete sich einst als „Chanel-Mädchen”. Es waren mehr als 30 Jahre, Seite an Seite hat sie mit dem begnadeten Couturier zusammengearbeitet. Interviews gibt die Französin sehr selten, aber 2017 erklärte sie ihre Beziehung zu Karl Lagerfeld so: „Uns verbindet eine lange Komplizenschaft. Ich versuche zu antizipieren, was er sich wünscht. Ich liebe es, ihm zu gefallen, aber auch, ihn zu überraschen.” Nach seinem Tod verkündete das Luxusunternehmen Chanel in einer offiziellen Stellungnahmen:
„Virginie Viard, Leiterin des Fashion Creation Studios von Chanel und seit mehr als 30 Jahren engste Mitarbeiterin von Karl Lagerfeld, wurde von Alain Wertheimer, CEO von Chanel, mit der kreativen Arbeit für die Kollektionen betraut, damit das Erbe von Gabrielle Chanel und Karl Lagerfeld weiterleben kann.” Virginie Viard verstand Karl Lagerfelds Vision wie kaum ein anderer, es ist demnach wenig verwunderlich, dass sich die Verantwortlichen bei Chanel für sie als Konstante im Hause Chanel entschieden haben. Viard hatte die Rolle der Übermittlerin. Sie war das Bindeglied zwischen Lagerfeld, seinen Zeichnungen, Gedanken, Wünschen und den rund 200 Mitarbeitern des Chanel-Studios.

Virginie Viard war drei Jahrzehnte lang die engste Mitarbeiterin, Freundin und Vertraute von Modezar Karl.

Virginie Viard war drei Jahrzehnte lang die engste Mitarbeiterin, Freundin und Vertraute von Modezar Karl.

Virginie Viard, Sie treten in große Fußstapfen und übernehmen das Erbe von Kaiser Karl bei Chanel. Ein Traum, der sich erfüllt?

Meine Familie hegte immer schon eine große Schwäche und Leidenschaft für Mode. Meine Großeltern waren Seiden-Produzenten. Auch ich hatte immer schon diese Passion in mir, doch mein Traum war es, Theater-Kostüme zu kreieren. Ich studierte Textilien und begann als Kostümbildnerin für Theater und Film zu arbeiten. Und dann traf ich Karl Lagerfeld.

Wann haben Sie angefangen für Chanel zu arbeiten?

1987 wurde ich von einem gemeinsamen Freund, einen Kammerherrn von Prinz Rainier von Monaco, mit Karl Lagerfeld bekannt gemacht. Seither habe ich mit Karl Lagerfeld gearbeitet und es hat sich eine Freundschaft entwickelt, die mir immer viel bedeutet hat. 1992, als Karl Lagerfeld zu Chloé wechselte, ging ich mit ihm. Und als er 1997 zu Chanel zurückkehrte, nahm er mich wieder mit. Ich hatte die Koordination der Haute Couture inne, ab 2000 auch die für die Prêt-à-Porter-Kollektionen.

Sie sind sowohl für Haute Couture als auf für Prêt-à-Porter verantwortlich. Ein schwieriges Unterfangen?

Ich liebe beides. Aber es sind natürlich verschiedene Zugänge und auch die Arbeitsprozesse sind dabei unterschiedlich. Die Prêt-à-Porter ist etwas leichter zu entwerfen, aber es ist die Liebe zur Präzision, die Karl Lagerfeld angetrieben hat. Er hat sich niemals stundenlang mit nur einem Kleid beschäftigt. Er sah mit nur einem Blick, was ein Modell brauchte, was dem Design fehlte und was daran zu viel war. Er traf immer genau den Zeitgeist und wusste, was die Chanel-Kundin sich insgeheim wünscht.Natürlich darf man nicht vergessen, bei Chanel geht es immer auch um Teamarbeit. Jeder weiß akribisch genau, was zu tun ist. Gemeinsam erschaffen wir traumhafte Kreationen. Jeder Arbeitsschritt wird mit unglaublicher Präzision ausgeführt. Nur so kann eine unvergleichliche Kollektion entstehen.

Hat sich die klassische Chanel-Kundin über die Jahrzehnte verändert?

Ich denke, heute ist das Klientel moderner, jünger, mit einem ausgeprägten Sinn und Gespür für Mode. Allem voran hat sich aber die Boutique an sich verändert. Die Auslagengestaltungen sind künstlerisch, die Kollektionen wechseln ständig, es gibt mittlerweile etliche Zwischenkollektionen, allein sechs Ready-to-wear-Kollektionen. Die Kunden kommen gerne in die Boutique und entdecken dabei immer wieder neue Mode-Designs. Es ist ein fließender Prozess, neue Ideen und Entwürfe werden dabei ständig weiterentwickelt. Pausen sind dabei eher
kontraproduktiv, sie unterbrechen den kreativen Fluss.

Chanel F/W19 Am 5. März 2019 fand im Pariser Grand Palais die letzte Chanel-Show statt, die Karl Lagerfeld, mit Hilfe von Virginie Viard, für das Modehaus kreierte. Die Modewelt nahm Abschied von einem der größten Designer unserer Zeit.

Chanel F/W19
Am 5. März 2019 fand im Pariser Grand Palais die letzte Chanel-Show statt, die Karl Lagerfeld, mit Hilfe von Virginie Viard, für das Modehaus kreierte. Die Modewelt nahm Abschied von einem der größten Designer unserer Zeit.

Bei all den Kollektionen muss das Zeitmanagement stimmen. Wie gehen Sie mit Stress um?

Ich mag keinerlei Verspätungen, versuche jede Verzögerung zu vermeiden. Alles muss zur rechten Zeit passieren. Ich arbeite nicht gerne unter Druck. Mann muss zwar immer am Punkt arbeiten und stetig vorwärts streben, aber es darf dabei zu keinen Spannungen kommen. Wir haben ein wundervolles Team, es ist wie mit einer großen Familie. Jeder hat seinen Platz, jeder kennt seinen Aufgabenbereich und jeder arbeitet mit einer unnachahmlichen Passion. Und nur so garantiert man reibungslose Abläufe.

Die Mode verlangt nach Kreativität.
Aus welchen Inspirationsquellen schöpfen Sie?

Ich habe einen Sohn, er inspiriert mich unentwegt. Ich liebe es, zu lesen oder Musik zu hören, das sind die
Momente, in denen ich meine Batterien wiederaufladen kann. Wenn man sein Leben dem Beruf widmet, dann ist jede freie Minute kostbar. Ich gehe gerne ins Theater und erlebe die Aufführungen in all ihrer Intensität. Oder ich besuche eine Ausstellung, etwa in Versailles. Es ist die Liebe zum Detail, die deinen Blickpunkt verändert und dadurch kommen Inspirationsquellen und Ideen wie von selbst.

 

Fotos (C) GettyImages.com