Adi Weiss
Ich liebe es in Italien in eine Bar zu gehen, mich an die Theke zu stellen und im Stehen ohne großes Brimborium eine Kleinigkeit... Chilidorf – Von Meistern und Anfängern

Schärfe liegt im Auge des Betrachters. Dort tut sie aber bekannterweise auch besonders weh. Was ebenso schmerzt ist, wenn neue Lokale streckenweise sensationell sind und dann gleich wieder maßlos enttäuschen. Das habe ich gerade beim neuen „Chilidorf“ in der der Döblinger Hauptstraße erlebt.

Das Lokal musste nach dem Vorbetreiber absolut nicht renoviert werden, denn die Räumlichkeiten dienten letztes Jahr schon der kulinarischen Totgeburt „Boccocino“, Wien erster Piadineria, als Steigbügel in die Insolvenz. Nicht, dass ich einer Piadineria in Wien keine Chancen gegeben hätte, doch war die Umsetzung damals ziemlich fragwürdig. Aber des einen Leid des anderen Freud. Die neuen Betreiber setzen hier ganz auf Sichuan Küche, ähnlich wie man sie in den inneren Bezirken vielleicht schon von Lokalen wie dem „Ostwind“ oder dem „Chili & Pfeffer“ kennt. Für diejenigen, denen die Sichuan Küche nur bedingt ein Begriff ist, hilft der Name „Chilidorf“ ganz eindeutig beim Erahnen, dass hier scharf gekocht werden könnte. Einrichtungstechnisch musste wie gesagt nichts verändert werden, die Vorbetreiber hatten ja bereits auf funktionellen Minimalismus gesetzt, der jetzt nur durch einige Plüsch-Pandabären und ein paar Bilderrahmen aufgepeppt wird. Wohlgemerkt Bilderrahmen und nicht Bilder. Zu sehen sind in den Rahmen nur die Typenschilder von Ikea. Man kann also echt sagen, dass hier beim Interieur Kosten und Mühen gescheut wurden. Aber so lange das Essen passt, ist mir das ziemlich egal.

Bei meinem ersten Besuch war es schlicht und einfach die Neugier, die mich in das „Chilidorf“ getrieben hat, weniger der Hunger. Gemeinsam mit einem Freund wollte ich erst einmal der Frage nachgehen, ob hier wie in Sichuan üblich, wirklich mit Feuer gekocht wird oder ob es sich nur um einen der üblichen „Chinesen“ handelt, der fad europäisiert kocht. Denn von denen gibt es alleine in der Döblinger Hauptstraße eine ganze Handvoll. Wir bestellten zwei Vorspeisen und eine Hauptspeise. Die erste Vorspeise nennt sich auf der Karte schlicht und einfach „Mit Chili und Bergpfeffer gewürztes Rindfleisch-Streifen“ und wird kalt serviert. Umso überraschter waren wir dann über ein Gericht, das man am besten als mariniertes und angebratenes Beef Jerky beschreiben könnte. Das Trockenfleisch hatte einiges an knusprigen und rauchigen Rändern und einem bissfesten, aber nicht unangenehmen Inneren. Das Chili und der Sichuan-Pfeffer waren ausgeglichen und höllisch scharf, ohne aber – und das ist mir wichtig – den Eigengeschmack des Fleisches zu erschlagen. Nachdem diese scharfen Scheiben einiges an Beiß- und Kauarbeit erfordern, sollte man für diese Vorspeise aber auch einiges an Zeit einplanen.

Die zweite Vorspeise war warm und nannte sich „Pikant gewürzte Nudeln nach Sichuan-Art garniert mit faschiertem Schweinefleisch“, was ziemlich selbsterklärend ist. Die sehr dünnen Reisteignudeln sind kompliziert zu essen, aber die Mühen lohnen sich. Wieder hat es der Koch, Herr Zhao, der für seine Künste eine nicht näher definierte Goldmedaille erkocht hat geschafft, eine extreme Ausgewogenheit zwischen den Aromen der an sich schon recht pikanten Nudeln und seinen diversen Scharfmachern zu finden. Dieser kleine Teller um gerade einmal vier Euro kann tatsächlich sehr glücklich machen.

Bei den Hauptspeisen haben wir uns von der sehr aufmerksamen und hilfsbereiten Kellnerin beraten lassen. Am Ende entschieden wir uns für „Gebratenes scharfes Hühnerfleisch mit Pakchoi, nach Art des Feuertopfes“, nachdem man im Chilidorf offenbar sehr stolz auf seine Feuertopfgerichte ist. Am Rande sei erwähnt, dass diese Feuertöpfe so ziemlich die schärfsten Gerichte auf der Karte sind. Was dann zu uns auf den Tisch kam, wäre für viele Menschen wahrscheinlich eine Ausgeburt der Hölle gewesen, für uns aber ein wahrer Traum: butterweiches Huhn in einem Meer aus harmonisch-aromatischer Lava. Wahnwitzig scharf, aber geschmacklich vorzüglich. OK – ich gebe zu: die intensive Ansammlung von Capsaicin hat sich dann doch bemerkbar gemacht, und wir konnten die Portion nicht ganz aufessen. In diesem Moment beschloss ich glücklich-schwitzend, bald noch einmal wieder zu kommen.

Einige Tage später kam ich zu Mittag ins Chilidorf. Logisch, dass es hier auch Menüs gibt. Nachdem ich das Gericht bereits aus dem „Ostwind“ kannte, bestellte ich „Gebratenes Hühnerfleisch mit Erdnüssen à la Gongbao“ samt obligater Frühlingsrolle. Ich bin sonst eigentlich kein Mittagesser, aber wenn man schon einmal Zeit hat, sollte man sie auch nutzen. Schon bei der Bestellung merkte ich, dass diese Kellnerin – eine deutlich jüngere – weit weniger aufmerksam war und auf einige Fragen keine Antworten wusste. OK, ich war ja zum Essen hier und nicht zum Konversation führen.

Überrascht war ich bereits von der Frühlingsrolle. Denn im Gegensatz zu den dicken „Teig-Särgen“, die man praktisch von allen chinesischen Restaurants in Wien kennt, war der Teig der Frühlingsrolle im Chilidorf so fragil und dünn, dass er beim schon beim Draufdrücken fast einreißt. Diese Zartheit sorgt nicht nur dafür, dass er später nicht schwer im Magen liegt oder sofort satt macht, sondern dass er im heißen Fett nur wenigen Sekunden gebacken werden muss und somit das Innere nicht zu Tode gegart wird. Meine knusperdünne Rolle war mit knackigem Lauch, zweierlei Zwiebeln, Sprossen und ein wenig faschiertem Fleisch – wahrscheinlich Schwein – gefüllt. Eine so leichte, knackige und fantastische Frühlingsrolle hatte ich in Wien bisher noch nirgends gegessen. Auf die Frage, was es denn für ein Teig sei, hatte die junge Kellnerin keine Antwort. Sie fragte dann aber doch noch nach und erklärte, dass es wahrscheinlich (!) ein Weizenteig sei. Ich hätte auf Reisteig getippt. Und sie meinte noch, dass der Teig gekauft sei. Die Füllung kommt vom Lokal, aber den Teig selber zu machen, wäre zu umständlich. Ich war mir in diesem Moment nicht sicher, ob ich ihre Ehrlichkeit bewundern oder ihren Geheimnisverrat verdammen sollte. Egal. Nun aber zum Fiasko:

Das selbstverständlich scharf bestellte „Gebratenes Hühnerfleisch mit Erdnüssen à la Gongbao“ sah großartig aus: Große Hühnerstücke, strahlendes Gemüse, haufenweise Erdnüsse und eine dickliche Sauce samt ordentlich vielen tiefroten Chilis. Ich probierte zuerst das Gemüse und die Sauce und wähnte mich schon im sichuanischen Himmel. Aber dann folgte das Hühnerfleisch. Was zum Geier war das? Die Hühnerstücke hatten die Konsistenz einer zähen Auster. Ganz ehrlich, das Beißverhalten muss in etwa mit dem vergleichbar sein, wie sich Leute, die noch nie Schnecken gegessen haben, Schnecken vorstellen. Gebraten ist dieses Fleisch sicher nicht worden, bestenfalls gekocht und dann zur Sauce gegeben. Oder vielleicht auch nur in die heiße Sauce gegeben und mitgekocht. Vielleicht auch gekocht, und dann für 20 Sekunden gebraten. Auf alle Fälle ist dieses Unterkeulenfleisch wahnsinnig schlecht pariert gewesen, denn auf Sehnen und Fett zu beißen ist schon ein wenig grauslich. Ich weiß schon, dass es prinzipiell viele chinesische Gerichte gibt, bei denen Sehen, Binde- und Fettgewebe den Reiz ausmachen und dass dies bei vielen Chinesen beliebt ist – siehe Hühnerfüße und ähnliches. Aber ich kenne auch dieses konkrete Gericht von einigen anderen Lokalen, und hier war das Fleisch einfach nur schlecht zugeputzt und falsch zubereitet.

Ich habe dann nur das Gemüse gegessen und um die Rechnung gebeten. Den halbvollen Teller sehend, hat die Kellnerin zwar nachgefragt was denn nicht in Ordnung gewesen wäre und ich habe es ihr geschildert. Eine Reaktion gab es von ihr aber nicht. Ich hätte mir zumindest eine Entschuldigung erwartet, wir sprechen jetzt nicht von einem Kaffee oder ähnlichem. Aber es kam rein gar nichts. Gutes Service kann kleine Unzulänglichkeiten oft mehr als ausgleichen. Aber nach dem Hühnerfiasko bei der Hauptspeise hat somit auch das Service bei diesem Besuch ausgelassen.

Insgesamt hatte ich im Chilidorf also zwei sehr unterschiedliche Besuche. Waren hier zwei vollkommen unterschiedliche Schichten am Werk? Abends der tolle Koch samt tollem Service und mittags die B-Schicht? Während ich nach dem ersten Besuch kaum abwarten konnte, mit Hunger wiederzukommen, ist mein Drang zur Rückkehr nach dem zweiten Besuch ein wenig gedämpft. Am besten, es macht sich jeder selbst ein Bild. Aber kommen sie abends! Sicher ist sicher …

Chilidorf
Döblinger Hauptstrasse 59, 1190 Wien
http://www.chilidorf.at/

Mehr von Fabian J. Holzer: